High Society

Liebe Mutter, lieber Erich,

die Vernissage ist nun überstanden, und es war einfach zu viel, um alles zu beschreiben. Wir waren von Freitag Abend bis Sonntag Mittag (abgesehen von kurzen Schlafphasen), ununterbrochen in der High Society und wurden wie die Stars behandelt. Höhepunkt war eine Einladung des ehemaligen Büergermeisters Heineke, der die 20 wichtigsten Personen zum Abendessen (~8 Gänge) in das hiesige 5-Sterne-Hotel-Restaurant einlud. Allein dies und viele andere Erlebnisse waren schon einmalig. Wobei mir nach dem Essen klar war, warum ich bisher auf solche Spektakel lieber verzichtet habe und mich sonst an Pommes-Buden ernähre. Essen als Schauspiel und Unterhaltung ist nicht mein Fall. Auch gab es viel zu viele Bestecke, die ich gar nicht alle gebrauchen konnte. Schon beim 1. gehobenen Essen (in fachwerklicher Atmosphäre) am Freitag Abend hatte ich die unter dem Teller als Unterlage eingesetzte Serviette mit der eigentlichen verwechselt, so daß ich schließlich 2 in den Händen hielt und die 1. dann aber auch nicht mehr exakt zusammenfalten konnte. Außerdem war der Wein so gut, daß ich hinterher im Auto den Verschluß des Sicherheitsgurts nicht mehr fand. Aaltje hat sich dann meine Brille aufgesetzt und uns nach Hause gefahren.
Im 5-Sterne „Jardin Noblesse“, ein total verkitschtes Gewächshaus, klappte das mit den Servietten schon besser, doch wunderte ich mich, wann denn das eigentliche Essen kommen sollte, weil die ästhetisch aufbereiteten Taubenschiß-Portionen auf übergroßen Tellern gerade mal 2 Löffel füllten, so daß ich immer als 1. fertig war, und der nächste Gang kam dann erst ½Std. später. Um inzwischen nicht zu verhungern, habe ich mit Mini-Brotscheiben, die man sonst zum Taubenfüttern benutzen würde, die Soße vom Teller aufgewischt. Jene waren völlig verstaubt, Aaltje meint jedoch, der Staub wäre eßbar, und das sollte so sein. Wahrscheinlich handelte es sich um Kunst. Küchenchef und Bedienung, die alle noch kurze Ansprachen mit merkwürdigen Begriffen über das Essen hielten, zeigten eigenartige Ticks und sahen krank aus. Kein Wunder bei der Ernährung.

Geschäftsführer

Der Geschäftsführer, dessen Eltern dieses Disneyland gehört – natürlich ein ehemaliger Schüler von mir – wunderte sich beim Sektempfang, daß er mich in seinem Haus bisher noch nicht gesehen hatte. Ich versuchte ihm vorsichtig zu erklären, daß ich selber 1 indonesisches Restaurant führe, das dem seinen weit überlegen sei.
Zu erwähnen wäre auch noch das Klo, wo man eigentlich auch nur in kleinen Portionen pinkeln sollte, um es richtig genießen zu können.
Na jedenfalls haben wir uns gut amüsiert und wurden dafür sogar bezahlt. So läßt sich das Leben zwar aushalten, trotzdem wurde mir wieder einmal die Kritik von Konrad Lorenz bestätigt, daß während der Evolution des Menschen irgendwas schiefgelaufen sei. Hieronymus Bosch hat das ja alles bereits gemalt.
Am Sonnabend geht es schon wieder weiter, weil wir zur Eröffnung des neuen Kulturhauses geladen sind. 1 Ministerialdirigent aus dem Sozialministerium wird u.a. dirigieren. Ich fürchte, ich muß mir ein Jacket kaufen, weil mein altes aus der Tanzstunde, mit dem ich mal in einen Teich gesprungen bin, nich mehr aussieht.

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