Enttarnt

Basilika-St.Godehard

„Und ich bedauere, daß ich ausgetreten bin, weil ich jetzt nicht noch einmal austreten kann.“ Wu

Ich weiß nich mehr, ob es am Tag der frohen Leiche war, jedenfalls rannten die Katholiken in Hildesheim wieder so aktiv herum, daß man leicht annehmen konnte, diese überwiegend protestantische sei eine katholische Stadt. Um einen jener prächtigen Umzüge betrachten zu können, begab ich mich als sehr junger Mensch auf die Nordseite der Godehardi-Kirche, wo ich unter einer alten Eiche mit morschen Ästen zu stehen kam. Leider waren die interessanten Zeiten unwiederbringlich verloren, wo man Bogomilen und andere Ketzer mit sich führte, um sie zu verbrennen. Während der Hildesheimer Bischof Godehard 1133 heiliggesprochen wurde, kompostierte man die bulgarischen Ketzer, weil sie Quälstangen als Symbol eines Mordinstruments – ganz gleich in welcher Ausführung – strikt ablehnten. Immerhin durften sie den Pfahl wählen, an dem sie sterben wollten. Wählten sie den, an dem eine Quälstange angeheftet war, wurden sie als wahre Christen erkannt und freigelassen. Trotzdem wurde noch allerhand geboten: Verschiedene Herren in Nachthemden trugen nicht nur lange Ketzer-Quälstangen sondern auch Baldachine, unter denen wieder andere in Nachthemden teure goldenen Eierbecher vor sich hinhielten, die möglicherweise Bruchstücke des heiligen Godehard enthielten, während schwule Jungs mit rauchenden Thermos-Kannen wedelten. Und so geschah es, daß einer mit seiner Ketzer-Quälstange gegen einen morschen Ast stieß, und derselbe mir genau auf den Kopf fiel. Da war ich latürnich sofort als Undercover-Protestant enttarnt, wurde aba nich verbrannt.
Auch sehr viel später, als ich meiner Frau die Stätten meiner Aufzucht zeigte, wobei ich sie darauf aufmerksam machte, daß man Katholiken an ihrem unfrohen Gesichtsausdruck identifizieren könne, hatte ich wiederum Schwierigkeiten auf dem Platz vor der Nordseite. Trat ich doch dort in einen veritablen Hunde-Scheißhaufen. Zum Glück gab es im Kircheneingang Kokos-Fußmatten.

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2 Gedanken zu „Enttarnt

  1. Pingback: Wie die Ritter nach Hildesheim kamen | Memoiren eines Waldschrats

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