Mißlungene Bildübergabe

Rueckfallfieber

Liebe Mutter, lieber Erich!

Vor dem Rathaus und der Linse des Pressefotografen fanden sich etwa 30 Honoratioren der Provinz-Stadt abreisefertig zum Gruppenporträt ein: 1 überfettetes Bürgermeister-Ehepaar, 1 Exbürgermeister („das alte Wrack“), 2 häßliche, verheiratete Vertreter der SPD-Spitze, 1 langweiliger Vertreter der CDU-Spitze, 1 sehbehinderte Vertreterin der FDP-Spitze, 1 Ex-Stadtkämmerer-Ehepaar (Die Frau bekam ihren Schirm nie zu. So war sie meist schon im Bus, doch ihr Schirm noch draußen: „Mein Mann sagt, der Schirm wäre gut, nur ich sei doof.“), 1 mond- und alkoholsüchtiger Polizeikommissar, 1 verschrumpelter Rechtsanwalt, 1 Kunsterzieher, der noch nicht wußte, was sich bereits in ihm ausbreitete (1 Virus nämlich) und andere Freaks. Über das Bild sollte ich mir keine Sorgen machen. Das war gut verpackt und sollte im Busgepäckfach mitfahren. Allerdings paßte es da zuerst nicht rein, dann aber doch.

Die Fahrt begann freitags um 9:00 und endete gegen 19:00 in der belgischen Stadt Aalter. Schon in Antwerpen hatte ich das Gefühl, daß mit mir was nicht stimmte. Yanto hatte die Grippe schon vorher schwer erwischt, und er war gerade erst am Vortag wieder zur Schule gegangen. Beim Abendessen mit den belgischen Gastgebern wußte ich es: Der Virus hatte die Oberhand. Es blieb mir aber nicht erspart, noch bis 24:00 in der tobenden und lärmenden, weil reichlich betrunkenen Menge auszuharren. Beim Verlassen des Restaurants bekam ich dann solch Schüttelfrost, daß sich mein Körper völlig verkrampfte. Den nächsten Tag verbrachte ich im Hotelbett, während die deutsche Delegation an der feierlichen Einweihung des neuen Gemeindepalastes teilnahm, der auch für belgische Verhältnisse ungewöhnlich pompös ist. Wie sich nach und nach herauskristallisierte, hatten die Belgier, absorbiert von den Problemen um ihr Riesenbauprojekt, den 2.Teil der Malaktion, die Übergabe meines Bildes, völlig vergessen. Schließlich wußte in der deutschen Gruppe keiner mehr, was mit dem Gemälde geschehen sollte, und es wurde unausgepackt im Rathaus abgestellt. Derweil lag ich ohne Nahrung und Appetit im Fieber-Delirium in meinem Hotelzimmer. Zum Glück fand ich im Nachtisch das 4-sprachige Evangelium des Lukas, herausgegeben von einer belgischen Sekte, deren Leitspruch lautet: „Eine Bibel in jedes Hotelzimmer.“ Daß Jesus einen Fieberkranken dadurch heilte, indem er das Fieber „bedroht“ habe, und es deshalb entwich, nützte mir jedoch nichts, denn er war nicht mitgekommen, und so mußte ich mein Fieber mit zusammengeschnorrtem Aspirin bedrohen. Wobei ich mich fragte, wie ein halbwegs intelligenter Mitteleuropäer derartigen Blödsinn glauben kann. Trotzdem hätte ich den Band zwecks weiteren Studiums gern geklaut, aber sowas tue ich nicht, und im Vorwort wurde davon auch dringend abgeraten.

Während dessen amüsierte sich die Delegation u.a. in Brügge, und Aaltje berichtete gelegentlich. Schließlich wurde nach der Einweihung des Rathauses (während der Reden schliefen die Deutschen wegen permanenter Überbeanspruchung geschlossen ein, was früher eine militärische Auseinandersetzung zur Folge gehabt hätte) beim Abendessen nur noch die flämische, mit den Wappen der Partnerstädte verzierte Übersetzung meiner Bilderklärung von der schon leicht beleidigten Delegation übergeben, und da, nachdem die Belgier jene gelesen, ging ihnen erst ein Kronleuchter auf. Daraufhin wurde das Bild im Rathaus ausgepackt, auf der Bühne des Superauditoriums angestrahlt aufgestellt, und die Bevölkerung Aalters defilierte angeblich mit großen Augen und Mündern an diesem meinem kolossalen Meisterwerk wie an Lenins Mumie vorbei. Von da an bis zur Abreise am Sonntag begannen die Entschuldigungen (der Bürgermeister wollte sogar seinen Sohn, der Arzt ist, zu mir schicken) und Lobpreisungen meines Bildes auf Aaltje einzustürzen, die mich trotz ihrer geringen Größe würdig vertrat. Ich hatte ja zumindest eine Ordensverleihung durch den belgischen König erwartet, zumal der auch Motorradfahrer ist, doch ist es wohl mein Schicksal, als unterbewertete Aktie durch die Weltgeschichte zu irren. Jedenfalls hätte ich genauso gut zuhause bleiben können, wo ich viel besser krank sein kann. Zurück bin ich dann, vollgedröhnt mit Aspirin, von der Vorhut im PKW zügig bis zur Haustür gebracht worden, während die volltrunkene Delegation vormittags noch eine Kreisrundfahrt absolvieren und danach bis Mitternacht unterwegs sein mußte. Dabei wäre ich wohl endgültig vor die Hunde gegangen.

Nun kann ich in Ruhe weiter krank sein. Es ist eine saftige Grippe, von der ich Euch nur abraten kann (Nicht am Briefpapier lecken!).

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