Exotik vor und nach dem Abstauben

TV-Affe

Architektur & Wohnen: Bei den Naturvölkern Afrikas und Australien erhebt man Cola-Dose und Fernsehgerät zum Fetisch, wir verlieben uns in die Hocker der Aschantis und die Speere der Aborigines. Verkehrte Welt?
Alphons Silbermann: „Überhaupt nicht. Wenn ein Aborigine im Norden Australiens im Sand liegt und statt seines Speeres eine Cola-Dose bei sich hat, bedeutet das einfach eine Interkulturation. Das heißt, gewisse Gegenstände bekommen wie ein Kunstgegenstand einen symbolischen Wert. Der westliche Reisende wiederum sieht im afrikanischen Hocker einen symbolischen Wert … Man kauft Dinge nicht, weil man sie schön findet, sondern weil man eine Beziehung dazu hat.“
A&W: Dann sind wir also verkappte Animisten. Können wir einen Gegenstand lieben wie ein Haustier?
A. S.: „Sicher lieben wir nicht nur Menschen, sondern auch Dinge. Die Beziehungen zu einem Objekt beruhen aber – anders als die zu einem Haustier – auf einem Erlebnis, das man mit dem Gegenstand verbindet.“
A&W: An einer afrikanischen Statue reizt aber auch die andere Kultur, die mystische Geschichte …
A. S.: „Wir wollen jetzt die Intelligenz der Menschen nicht überschätzen. Natürlich kaufen manche eine Buddha-Statue, weil sie sich zum Buddhismus hingezogen fühlen … Aber so etwas kann man nicht verallgemeinern.“
A&W: Seit den chinesischen Tempeln des Rokoko gab es immer wieder Ethno-Moden. Was fasziniert uns am Exotischen?
A. S.: „Die Anschaffung des Außergewöhnlichen, das nicht den alltäglichen Normen entspricht. Das ist immer ein Erlebnis. Nur vergessen Sie nicht: Nach einigen Monaten nimmt man auch das Exotische – wie das eigene Hochzeitsbild – nur noch beim Abstauben wahr.“
A&W: Wahrscheinlich bleibt ohnehin bald nichts mehr exotisch, nachdem wir überall japanisch essen, auf der Straße afrikanische Kunst kaufen und zu fernen Kontinenten reisen können …
A. S.: „Solange etwas nicht unserem eigenen Lebensstil entspricht, wird es auch weiterhin eine gewisse Anziehungskraft ausüben. Ich nehme nicht an, daß unsere Gesellschaft als Ganze in Zukunft mit Stäbchen essen wird.“
A&W: Haben die 68er Generation und die Ökobewegung mit ihren Aufrufen zu Konsumverzicht und Solidarität mit der 3.Welt neue Impulse für unsere Wohnkultur gebracht?
A. S.: „Wenn jemand Gegenstände aus Afrika kauft oder Zen-Meditationen macht, hat das mehr mit der Exotik zu tun als mit einer ‚Solidarität mit der 3.Welt‘. Zum Konsumverzicht kann ich nur sagen: Die Leute verzichten immer nur auf das, was sie ohnehin nicht benötigen.“
A&W: Aber es gibt doch als Gegenbewegung zum Nachkriegsmaterialismus wieder einen Hang zu mehr Spiritualität und Sinnlichkeit …
A. S.: „Jetzt sind wir beim 2. großen Moment des Wohnens: der Intimität. Schon seit einigen Jahren beobachte ich eine neue soziale Bewegung: den Rückzug des Individuums in die Privatheit. Seit den Menschen die Öffentlichkeit durchs Fernsehen ins Haus gebracht wird, ziehen sie sich aus der Gemeinschaft zurück. Nehmen Sie nur ein Beispiel: Früher war noch die Couchecke das Zentrum des Wohnzimmers, heute ist es das Wandregal mit dem Fernsehapparat, auf den alle Sitzeinrichtungen ausgerichtet sind. Der Rückzug in die Privatheit verändert die ganze Wohngestaltung. Er trägt sicher unter anderem auch dazu bei, daß heute andere Kulturen in die Wohnung hineingebracht werden und die Menschen dazu – wie Sie es nennen – eine mystische Beziehung entwickeln.“
A&W: Wie bewerten Sie diesen Trend?
A. S.: „Ich bin empirischer Soziologe. Wir bewerten nicht. Das machen nur die Philosophen.“

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Ein Gedanke zu „Exotik vor und nach dem Abstauben

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