Ästhetik des Diversen

korban

In seinem „Versuch über den Exotismus“ beschreibt Victor Segalen nicht mehr die Reaktion des Reisenden angesichts eines Milieus sondern entlarvt den Ethnozentrismus der westlichen Gesellschaft, wobei er zu den berauschenden Strudeln des großen Stroms der Diversität gelangt. Die Möglichkeit, ein Land zu erfahren, hänge ebenso von einem selbst ab, wie von den sogenannten objektiven Tatsachen. Diese bewirke eine Öffnung des Horizonts für sich selbst, durch die man aber auch Bescheidenheit lernt, da man das Ganze nie wird übersehen können. Andererseits kann man ganz egoistisch für sich Möglichkeiten des Ausdrucks und der Form, auch der Visionen erreichen, die einem sonst verschlossen geblieben wären.
Da man nur wirklich erfährt, was man an sich selbst erlebt, hat das persönliche Eindringen in eine fremde Kultur durch das Leben in ihr ein Auffinden, Sichern und Verarbeiten von Spuren des Alltags zur Folge, die sich grundsätzlich von denen durch Reisebüros oder Amnesty International vermittelten unterscheiden.
Ebenso wie Sehen und Hören werden auch Geschmacks- und Tastsinn angesprochen und sind nicht – wie Segalen behauptet – unergiebig. „Exo“ ist alles, was außerhalb unseres alltäglichen, gegenwärtigen Bewußtseins steht, alles was nicht in unsere gewohnte geistige Stimmung paßt. Das Exotismus-Gefühl ist letztlich nichts anderes als der Begriff des Anders-Seins. Exoten sind geborene Reisende, die sich als anders-seiend erkennen, im Rausch des Subjekts ihr Objekt begreifen und das Diverse fühlen (Welten der wundervollen Verschiedenheiten, Freiheit des Spiels). Der Exot bewahrt sein Anders-sein als dauerhafte Quelle des Vergnügens, das ihn um das Universum bereichert. Der Streit um die Wirklichkeit der Dinge kommt unter der glühenden Sonne am Äquator zum erliegen: „Der Wahnsinn ist nicht exotisch, wir kennen uns nur zu gut darin wieder!“
Der Fortbestand des Exotismus wird durch die Perfektionierung des Reisens gefährdet.
Der Exot hat Achtung vor dem Opium.
Für Segalen blieb Ozeanien der höchste, unmittelbare und greifbare Genuß, der das Lähmende der reinen Vergeistigung erfrischt. „Denn indem ich instinktiv den Exotismus suchte, habe ich die Intensität, also die Kraft, also das Leben gesucht.“ (Shanghai, 1917)

„Tatsächlich besteht Anlaß, irritiert zu sein. Der Künstler tut so, als erfinde er die Welt neu, weiß aber genau, daß er sich als ‚promeneur solitaire’ keineswegs in unerforschtem Gebiet sondern nur auf einem vernachlässigtem Randstreifen bewegt. Es sind keine Naiven, sondern hochbewußte Leute, die nicht vor, sondern sozusagen nach der Zivilisation leben.“ (Günter Metken in „Spurensicherung“, 1977).

„Korban menit“, Öl auf Lwd., 90x111cm, 1985

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