Mediale Erinnerungsarbeit

Wenn man, wie der italienische Regisseur Paolo Sorrentino (*1970), seit langem von Nazis fasziniert ist, die die Verfolgung überlebt haben und verdeckt ein gewöhnliches Leben führen (viele können es ja nicht mehr sein, und sie unterscheiden sich nicht grundsätzlich von alten Mafiosi), so liegt das vielleicht am Geburtsjahr. Zu oft erzählt, braucht solch eine Geschichte inzwischen schon stärkere Schocker: In „This must be the place“ ist es die Karikatur eines wohlhabenden, alternden Rockstars, für dessen Äußeres Robert Smith von den „Cure“ Modell stand. Ich erinnere mich an keinen Film der letzten Zeit, in dem ich derartig viel nicht verstanden habe. Mehrere Personen blieben mir ohne Zusammenhang, und Sean Penn spielt brilliant den ungeklärt angedetschten Ex-Rockstar „Cheyenne“ (Zu viel Heroin geschnupft?). Was die Filmkritik „minimalistisch“ nennt, ist ein xtes Roadmovie – wie immer eine Reise nach innen – ohne Road und Action. Viele schöne Bilder und eine Sammlung skuriller Figuren, der Deutsche standardmäßig als Comic-Figur – von Italienern nicht anders zu erwarten. David Byrne und seine Musik treten als David Byrne und seine Musik auf, Realität gewinnt der Film dadurch nicht, nur eine avantgardistische Pose ohne Sinn. „Manchmal ist Sorrentino das Drehbuch in poetischen Nonsens entglitten.“ Ich empfand den ganzen Film so, zumal er weder inhaltlich noch formal wirklich Neues zeigt.

Manche dieser Generation haben behauptet, die Greuel des 3.Reiches wären nicht genügend aufgearbeitet worden, z.B. im Geschichtsunterricht in den Schulen. Für Gymnasien hat das nie gestimmt. In einem sehr frühen Schulbuch meines Sohnes fand ich antipropagandistisch Aufbereitetes, wohl um schon im Primar-Bereich den Anfängen zu wehren. Manche Pädagogen sind der Ansicht, man könne alles zu jedem Zeitpunkt unterrichten, wenn man es nur richtig anbiete. So kommt man zum oben beschriebenen Minimalismus. Kein Wunder, wenn Pubertierende trotzig den falschen Weg wählen, weil ihnen das Übermaß an Betroffenheit und morallischen Appellen auf den Sack geht. Ohne Fragwürdiges und unzureichend Geklärtes auszuloten, werden präventiv Antworten auf nicht gestellte Fragen serviert. Der Philosoph Hermann Lübbe sieht hierin einen „hysterisch gewordenen Moralismus“ in den Medien, der sich hypertrophierend verselbstständigt hat, ohne daß ein entsprechendes Interesse der Öffentlichkeit vorhanden wäre. Oder – wie in der „Neue Zürcher Zeitung“ vom Mai 1995 zum Kapitulations-Jubiläum zu lesen war: „Die Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft, ihres Krieges und ihres Völkermordes wandelt sich damit zur bloßen Software für die Programmaschinen.“
Warum nicht mal einen Film über Napoleon III.? Nie gesehen so etwas, obwohl seine Gefangennahme von 1870 fundamental für französischen Deutschen-Haß war. Wie auch die Engländer klammern viele Europäer ihre Keller-Leichen einfach aus: „The history of the empire is conspicuously absent from the British school curriculum … So much easier to sweep all the Indian mutinies, Boer War concentration camps, and Caribbean slave colonies under the carpet.” (“Newsweek”, 19.3.2012). Für das Massaker in My Lai wurde Lt. William Calley mit 3½ Jahren Hausarrest bestraft. Die Deutschen unterscheiden sich vor allem dadurch von anderen Völkern, daß sie 1945 nicht einfach weitergemacht haben, als ob nichts geschehen wäre.

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