Tartarin de Marécage

pioneer

(sehr frei nach Alphonse Daudet)

Tartarin de Marécage lebte in einem wunderschönen Fachwerkhaus im Moor, umgeben von einem reich blühenden Garten. Sein Leben war gesichert und ruhig, man konnte es auch glücklich nennen. Und doch, trotz aller Naturschönheit und des behäbigen Glücks, das er mit viel Mühe erreicht hatte, freute es Tartarin nicht recht. Dieses Leben in der Provinz begann auf ihm zu lasten, ja, es erstickte ihn. Er begann sich zu langweilen. Wenn das so weitergegangen wäre – in all seinen Facetten wohl bekannt – es hätte ihn aufgezehrt. Ihn, der einst zur See fahren und, wenn auch kein Krieg zur Hand, doch wenigstens ein abenteuerliches Leben führen wollte. Umsonst umgab er sich mit exotischen Gegenständen, las die Bücher der Abenteurer und versuchte wie Don Quijote durch chemisch unterstützte Träume der unerbittlich öden Wirklichkeit zu entkommen. Ach, alles, was er unternahm, um seinen Durst nach Erlebnissen zu löschen, fachte jenen nur noch mehr an. Und der Wind ferner Länder, der durch die Zweige seiner Mooreichen wehte, gab ihm üblen Rat.
Sein stürmisches Verlangen, seine Sucht nach Abenteuern, der Drang, die starke Erregung seiner Träumen Wirklichkeit werden zu lassen, brachte ihn dazu zu reisen. Er war 45 Jahre alt und hatte noch nicht viel von der Welt gesehen, ja, er glaubte sogar, dies sei überflüssig, sähe es doch überall etwa so wie im Moor aus, und er hatte es immer vorgezogen, relativ festen Boden unter den Füßen zu haben. Neben Don Quijote gab es zugleich den Sancho Pansa in seiner Seele: bieder-brav, faul, empfindlich, verwöhnt, wehleidig, mit bürgerlichen Ansprüchen und häuslichen Neigungen. O, dieses Hin- und Hergezerre! Mal: „Ich reise!“ Dann wieder: „Ich bleibe!“ Und so verharrte er lange Zeit, während der sich die eine Waagschale mit Reiseeindrücken füllte. Auch schienen ihm die Menschen Asiens von anziehendem Charme, denn sie lügen nicht, sondern erliegen einer Täuschung. Sie sagen nicht immer die Wahrheit, jedoch glauben sie, daß es sie sei. Ihre Lüge ist also keine Lüge, sondern Wahn, hervorgerufen durch eine Art Fata Morgana oder Dschungel-Dunst.
Nach und nach senkte sich die mit Wagemut gefüllte Waagschale so weit, daß er wie immer übertreiben mußte, indem er beschloß, tatsächlich auszuwandern. Kurzum, Tartarin sprach von nichts anderem mehr und wurde allgemein wegen seines Mutes bewundert. Da die Durchführung jenes Entschlusses – und hier griff wieder Sancho Pansa ein – der umfangreichen Vorbereitung bedurfte und auch für seinen Sohn gesorgt werden mußte, zogen sich die Vorbereitungen in die Länge. Schließlich gab es die verschiedensten Gefahren zu beachten, wie Schiffbruch, Zipperlein, hitziges Fieber, Ruhr, Beulenpest, Elephantiasis und vieles mehr. Jene, die ihn immer wieder fragten, wann es denn losginge, hatte er damit zu beschwichtigen, daß man doch zuerst wissen müsse, wohin es gehe, und man nicht einfach wegfliegen könne wie ein Vogel! Dieses wiederum brachte manchen seiner Zuhörer auf die Idee, daß Tartarin, der noch nicht einmal einen Koffer gepackt hatte, es wohl doch nicht wagen würde, und einige wetteten sogar darauf. Die Frage: „Na, wann geht’s denn los?“ fing Tartarin langsam an, lästig zu werden.

Als die Vorbereitungszeit abgelaufen waren, besorgte er sich 50 Kisten, die er mit Büchern, Werkzeugen, Moskitonetzen, Dachdeckerstiefeln, einer blauen Brille gegen Augenentzündung, Heftpflastern und Desinfektionsmitteln gegen die Pest füllte. Dabei wurde es ihm ständig unbehaglicher, denn Tartarin-Sancho beunruhigte ihn zunehmend.
Dann – der alles entscheidende Tag war gekommen, er hatte sein Haus verkauft und den Beruf aufgegeben – verschwand er für immer. Schon während er das Flugzeug bestieg, bekam er wieder Lust zu reisen, die Sehnsucht nach der Ferne überwog alle Ängste und gab ihm Flügel.

Dort angelangt wurde er schwer krank und lag schmerzgeplagt in elendem Quartiere. Ach, hätten ihn die Zurückgebliebenen so gesehen, wie er im traurig fahlen Licht auf schweißnassen Laken schmerzgeplagt vor sich hinvegetierte, unablässig dem Krach und Gestank seiner Umgebung ausgesetzt. Wie hätten sie gelästert, jene, die nicht Tunesien von Indonesien unterscheiden konnten: „Na, du Trottel! Ich hab dir’s gesagt! Aber du hast nach Asien gehen müssen. Jetzt hast du dein Asien. Wie gefällt’s dir?“
Ja, Tartarin hatte sich immer etwas Exotisches vorgestellt, etwas Feenhaftes und Märchenprächtiges, irgendein Mittelding zwischen Kyoto und Ubud. Stattdessen fand er Häuser, Fahrzeuge, Fernsehgeräte und Miniröcke wie zuhause. Kaum daß die Menschen wie Asiaten wirkten. Er schien der einzige zu sein. Alle beobachteten ihn ständig und waren aufdringlich. Die Bräuche erschienen ihm verwirrt, Häuser vergammelt, Regenwasser tropfte durch’s Dach, in der Küche tanzten Ratten Ballett, Ameisen und Kakerlaken überall. Und für die einstige Gastfreundschaft hatte er nun ständig zu zahlen. Er wurde zum Opfer von korrupten Polizisten und Richtern, die Recht und Gesetz für ein paar Rupien verdrehen, von Imigrationsbeamten und Gerichtsdienern, die sich wie Heuschrecken an seiner Unwissenheit bereicherten und zusammen mit den Klan-Angehörigen den verlorenen Immigranten nicht früher loslassen, bis sie ihn wie einer Maispflanze Blatt um Blatt abgenagt haben. Bis der unglückliche Tartarin losbrüllte: „SIND DENN HIER LAUTER SCHUFTE?“ Manchmal schrie er aus seinem Fenster: „JESUS IST EIN ALTER GAUNER! DAS ALLES IST ZUSAMMEN KEINE RUPIAH WERT! ES LEBE DAS MOOR!“ Zum Glück verstand ihn niemand.
Tartarin hätte es vorher sehen können, wenn sein Blick nicht verklärt gewesen wäre, und er nicht nur an Abenteuer gedacht hätte.

Dies ist es, was uns von seinen ersten Jahren in der Ferne übermittelt wurde. Danach verstummte er. Mache behaupten, sie hätten Tartarin de Marécage später auf einem Atheisten-Kongreß in Köln gesehen – zusammen mit seiner ihm treu ergebenen Ziege. Aber das ist wohl nur ein Märchen.

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Ein Gedanke zu „Tartarin de Marécage

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