Dort und später

Steinpruefer

Bitung, im Juli 1997

Lieber Peter, ich schreibe Dir aus einer Hafenstadt auf Nordsulawesi. Wie wohnen bei einer Nichte meiner Frau, denn ihre Eltern sind schon tot. Sie liegen unter einem in Schwiegervatergrün gekachelten Grabstein. Hier sehen Friedhöfe wie Erlebnisbäder aus. Die Verhältnisse sind wie immer reichlich verwickelt. Zwei unserer Pächter, Brüder wie Kain und Abel, haben sich im Schlamm unserer Naßreisfelder um die Bearbeitung geprügelt. Einem wurde dabei das Auge verletzt. Zum Glück haben sie nicht zu ihren Haumessern gegriffen, die sie immer an der Hüfte tragen. Gestern stand ich zwischen den reifen Ähren, die sich sanft im warmen Meereswind neigten. Der Platz heißt Air Cempaka, was man mit „Duftendes Wasser“ übersetzen könnte. Mir liefen wohlige Schauer über die Haut, eine Ahnung unendlichen Friedens, eine Freude, mich selbst zu spüren und nicht immer nur das, was andere mir ins Gehirn stopfen. Der Tag ist nicht mehr fern, wo ich mich ganz Kunst und Landwirtschaft widmen kann, fernab von zwangvoll belästigender Zivilisation. Ich werde in der Stille das Rauschen des Pazifiks hören und im Einklang mit der Natur leben. ENDLICH FREI SEIN! Der Bauplatz auf unseren Reisterrassen ist schon umschritten. Dort wartet die schwarze Schlange, die der Geist meines verstorbenen Schwagers ist.

Vor einigen Tagen sind wir aus Tangkoko zurückgekommen, einem Reservat nördlich unseres Hausvulkans, aber es ist mir immer noch nicht gelungen, einen Urwald darzustellen. Die riesigen Bäume passen in kein Format, und es wirkt alles so unaufgeräumt. Einmal habe ich einen meditierenden Mann mit indischgelber Jacke zwischen Brettwurzeln im Dämmerlicht des Waldes gemalt. Vor ihm eine kleine Kiste, aus der sich eine Python wand, wie ich es auf dem Markt in Manado gesehen hatte. Aber der Rahmen hat sich so verzogen, daß mir schließlich alles zerrissen ist. Und ich bin immer noch unschlüssig wegen der Ausstellung. Vielleicht sollte ich doch lieber in meinem Elfenbeinturm bleiben? Du weißt, daß ich nun mal ein ungeselliger Exot bin. Aber wenn ich unseren Haushalt im Borchelsmoor endgültig aufgebe und die Bilder mitnehme, werden sie hier nur von Kakerlaken zerfressen und verschwinden unter Schimmel.

Als ich 1975, nach meiner Pilgerfahrt zu den Tempeln Kyotos, anfing, mitgebrachte Papiere zu collagieren und im selben Jahr meine heftige Liaison mit Südostasien begann, wurde Gauguin plötzlich interessant. Vorher war er mir zu bunt, und seine nackten Weiber mit Schuhgröße 45 sprachen mich nicht an. Nun sah ich, wie er sich in schöpferischem Eklektizismus sein tropisches Paradies zusammengebastelt hatte: aus Holzschnitten Hiroshiges und Hokusais, mit fernöstlichen Textilmustern, Pferde von griechischen und Frauen von ägyptischen Reliefs, ein Hund von Courbet und besonders Figuren des javanischen Borobudurs, den er nur von Fotos kannte. Natürlich bekam auch seine Biographie einen ganz neuen Stellenwert für mich. Letztlich hatte er einen weiten Weg unternommen, nur um wieder auf das zu stoßen, was er abstreifen wollte wie eine Schlangenhaut.

Morgen geht es weiter nach Sumatra. Hoffentlich erwischt mich dort kein Tiger. Dann könnte der Künstler bei der Ausstellungseröffnung im November nicht anwesend sein.

Banyak hormat dari
Thomas

aus „Punkt 40“, Kunstverein Bremen

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