Peters Rede

Peters-Rede

Zur Ausstellungseröffnung „dort und später“, Kunstverein Achim 1997:

Die Bilder des Malers Thomas Dobat sind zuallererst ein sinnliches Erlebnis. Wir stehen hier inmitten der farbsprühenden Ölgemälde und der viel zarteren Aquarelle, Radierungen und Holzschnitte, die das Achimer Rathaus an diesem grauen Novembertag in Farbe tauchen, uns geradezu in die Augen springen.
Es ist aber nicht allein die künstlerische Herkunft des Malers aus einer europäisch gefärbten „Pop Art“ der späten 60er Jahre, wie ich aus unserer gemeinsamen Zeit an der Kunsthochschule Braunschweig berichten kann, es sind auch die uns fremdartig und merkwürdig erscheinenenden Figuren, Ornamente und Farben einer sogenannten exotischen Kultur, nämlich der Indonesiens, die sich überraschend zusammenpassend mischen.
Übrigens keine neue Erfahrung: schon van Gogh, die Impressionisten, die Fauvisten und gar die deutschen Expressionisten haben ja alle die europäische Moderne wesentlich aus der – ihnen bekannten – Kunst Asiens entwickelt.
In den Bildern ergänzen sich – mal mehr, mal weniger – die südostasiatischen Motive mit denen aus dem Innenleben des Malers, seiner ganz eigenen, eigenwilligen, eigensinnigen Phantastik, so daß die entstandenen Bildwerke beileibe keine folkloristischen Souvenirs aus Indonesien darstellen, sondern uns immer auch mit der Person des Malers selbst konfrontieren. Titel wie „Multi Okkulti“, „3 Seher“, „Reisender“. „Buddha mit Eiswürfel“, zeigen diese Ambivalenz ebenso wie „Mari makan“ oder „Korban menit“.

„Korban menit“ ist das Bild, das hier etwas hinter dem Pfeiler hängt. Es heißt auf deutsch „Minuten-Opfer“, was sich auf das Reisstreuen bezieht, das als Opfergabe auch in unserer Kultur – zum Beispiel bei Hochzeiten – gebräuchlich ist. Hier opfert eine westliche männliche Figur, deren Umriß erfüllt ist von Ornamenten, einer fremden Kultur. In dem Gemälde sind aus den Reiskörnern Reisstäbchen geworden, wie sie in „Minuten-Restaurants“ serviert werden können. Die Ornamente stammen übrigens von dem Giebel eines Batak-Hauses auf Sumatra, der Hintergrund zeigt die Küste bei Manado ganz in Dobats Nähe.

Auf der anderen Seite, oben auf der Empore, hängt die gemalte Porträtbüste der Verstorbenen Lie Jok Lan auf einem chinesischen Friedhof in Manado, der Hauptstadt Sulawesis. Es ist eine bemalte Zementplastik, die von guten und bösen Dämonen und Masken umgeben ist und Teil eines – wie Dobat sagt – „absurden Erlebnisparks“ ist, weil in dieser Kultur mit Friedhöfen viel bunter und einfallsreicher umgegangen wird als bei uns.

Zurück zum Maler: Thomas Dobat hat sich – unter anderem – sehr lange mit den asiatischen Kulturen beschäftigt, Reisen gemacht, und lebt in ländlicher Einsamkeit seit 20 Jahren zusammen mit Aaltje aus Sulawesi, der nördlichsten Insel Indonesiens, früher Celebes genannt. Sie kennen vielleicht Max Ernsts Bild „Der Elefant von Celebes“? In Kürze werden beide ihren gemeinsamen Lebensweg dort in Air Cempaka fortsetzen, dann wird zur Abwechslung mal Thomas in einer „fremden Kultur“ leben, so wie Aaltje es bisher getan hat.
Auswandern nach Indonesien! – Alles noch mal von vorn! Nachdem Thomas 4 Jahre lang mit den eigenen Händen ein Haus aus mehreren kleinen Fachwerk-Backhäuschen gebaut hat, sehen wir hier in der Mitte ein Modell des Reisterrassenhauses, was er dort (und später!) bauen will.
Für Thomas Dobat ist die Verbindung zwischen Kunst und Leben immer eine sehr enge gewesen: hier „macht er sich ein Bild“ von der fremden Kultur, die bald seine neue eigene sein wird; gegenständlich und figürlich, wie er immer gearbeitet hat, bezieht er sich auf konkrete Inhalte und Begebenheiten, die sich in seinen Bildern ebenso mischen, wie unsere Weltkulturen sich heute überall mischen: Michael Jackson im Dschungeldorf, Coca-Cola-Werbung in der Wüste. Spätestens seit Claude Levy-Strauss‘ „Traurige Tropen“ der 50er Jahre verblaßt der „Reiz des Exotischen“, nach Jahrhunderten europäischer Kolonisation gibt es auf der ganzen Welt nicht mehr das „ganz Andere“, auch Gauguin vor hundert Jahren hat uns nicht die Südseewirklichkeit vor Augen geführt sondern sein Bild davon. Aber so ist es heute: können Sie sich Achim noch ohne Pizzeria oder Eiscafé vorstellen? Und Maria Kadariah, die uns eben tatsächlich mit ihrem Tanz etwas „exotisch“ verzaubert hat, kommt ja als Dozentin der Universität Jakarta nach Bremen, um hier als Juristin zu promovieren.
Wie heißt es so schön? „Letztlich reist man immer zu sich selbst!“

Peter Schneckenberg

Korban-menit

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