Beginn der Eiszeit

Winter-Stilleben-81

25.11.97
Liebe Mutter,
gestern Abend hat mich Frau Brambach angerufen und mir ihre Begeisterung über die Ausstellung mitgeteilt. Dabei kam auch zur Sprache, daß sie mit Dir über die Zeitungsberichte gesprochen hat, in denen steht, daß ich im Sommer 1999 nach Indonesien auswandern will.
Es tut mir leid, daß Du das auf diese Weise erfahren mußtes, aber ich habe nicht gewußt, wie ich es Dir sagen sollte. Bezeichnend ist, daß ich mit meinem Vater noch zu seinen Lebzeiten darüber vernünftig reden konnte. Ihm hat das auch nicht behagt, aber er konnte dafür Verständnis aufbringen. Zwar ist die Auswanderung fest geplant, der Termin aber erst sicher, wenn wir die Aufenthaltsgenehmigung haben. Und da ich mir aus Erfahrung vorstellen konnte, wie Du reagieren würdest, wollte ich es Dir erst sagen, wenn es spruchreif gewesen wäre.
Ich werde mit Abschluß des Schuljahrs 98/99 meinen Beruf an den Nagel hängen – aus mehreren guten Gründen – und mir in Indonesien eine neue Existenz zu verschaffen suchen. Das wird ein sehr riskanter Drahtseilakt für mich werden, Aaltje fährt dagegen nur nach Hause. Yanto will lieber bleiben.
Es ist schon enttäuschend, daß wir, anstatt die wenigen Stunden miteinander fröhlich zu verbringen, immer mit dem Gefühl zu Euch fahren: Wer bekommt heute sein Fett? Und immer geht es um völlig belanglose Dinge (z.B. um fehlende Einladungskarten). Aber auch noch am Telephon derartig abgebügelt zu werden, ist mir dann doch etwas zu viel.
Du übersiehst einfach, daß ich aus einer kaputten Familie stamme, und daß ich damals in erster Linie gelernt habe, wie ich nicht leben will. Ein glückliches Leben mußte ich mir selbst erarbeiten.
So ist das also.
Schönen Gruß auch an Erich
Dein Thomas

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3 Gedanken zu „Beginn der Eiszeit

  1. Ein sehr ehrlicher Brief an Deine Mutter. ( Du übersiehst einfach – wie ich nicht leben will )

  2. Das mit den wenigen Stunden, die man nicht miteinander verbringen konnte ohne die dauernde Anspannung, wann der Streß wieder losgeht, macht mich ganz fertig hier zu lesen. Meine Mutter war da genauso. Jahre später, nach dem Tod meines Vaters, haben wir dann festgestellt, wie entspannt und einfach alles hätte sein können. Dabei habe ich mir jahrelang eingeredet, in der heilen Welt aufgewachsen zu sein. Wenigstens hat meine Mutter im Alter dann Ruhe und Glück gefunden, viel zu spät, und plötzlich war es von einem Tag auf den anderen vorbei.
    Die Kinder haben das Glück weit weg gesucht.
    Dabei lag es doch da. Ganz nah. Die ganze Zeit.

  3. So war das leider – wobei meine Mutter sich letztendlich selbst isolierte und geistig umnachtet im Altenheim starb.

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