Eingebunden

gebunden

Der Buchbinder Franz hat einen grauweißen Bart unter der knubbeligen Nase. Er ist so alt wie die vergilbten Pappschachteln in seinem Schaufenster. Nur das Blau bleibt verblassend erhalten.
Kam doch heute so ein nicht mehr ganz junger Mann in seine Werkstatt. Ob er ihm sein Roman-Manuskript binden könne? Natürlich kann er. Schließlich arbeitet er 18Std. am Tag.
„Man soll nicht zu viel arbeiten!“ rate ich.
„Dann lege ich mir eben 2 Scheiben Wurst auf’s Brot“, antwortet er.
„Ich bin zu früh gekommen“, entschuldige ich mich.
„Das macht doch nichts. Nur zu spät ist nicht gut.“
Er finde keine Arbeiter, sei hier ganz allein, erklärt er, und dabei rappelt die Druckmaschine, so daß ich lauter zu ihm sprechen muß.
„So muß das sein“, lobt er seine Maschine, „sie verdient ganz allein für mich das Geld.“
Ob ich den alten Buchbinder Petereit kenne, fragt er, der sei ja schon tot. Natürlich kannte ich ihn, war ja Kollege. Ein Mensch. Ein schwieriger zwar, aber ein Mensch. Wir haben uns gleich verstanden, obwohl ich nich soff.
„Ich muß ja auch mal sterben“, gibt der Buchbinder Franz zu bedenken.
„Meinen Sie?“ frage ich skeptisch grinsend.
„Ja, die jungen Leute haben alle keine Lust. Selbst die Sozialhilfe-Empfänger, die es nun wirklich nötig hätten, mal was auf die Hand zu bekommen, erscheinen nach einigen Tagen nicht mehr. So hab ich immer viel zu tun.“

Und da liegt das Manuskript nun am Äquator auf der Holzkiste aus Sumba mit den Perlmutt-Einlagen.
Und das Blau wird langsam blasser.

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