Altenbetreuer ohne Bezüge

Mona-Duchamp

Irgendwann fragte mich meine Frau, warum ich eigentlich noch arbeite, wir hätten doch genug Geld für Indonesien zusammen. Recht hatte sie. Da war ich gar nicht drauf gekommen. Die tägliche Mühle erschien mir so selbstverständlich, und wenn man nicht auswandern will, muß man allein schon beständig arbeiten, um Steuern und Versicherungen zu bezahlen. Also beantragte ich eine ½ Stelle – und so war mein Beruf wesentlich leichter zu ertragen. Als ich dann 1999 alles endgültig hinschmiß, ließen sich weder unser Auto und schon gar nicht unser Haus gleich verkaufen, und so mußten wir noch ein ganzes Jahr jederzeit startbereit auf die Abreise warten.
In dieser Leerlauf-Zeit wurde ich von einer Gruppen-Leiterin an der Volkshochschule gefragt, ob ich einen Kunst-Kurs für interessierte Alte anbieten könne. Ich hatte sie auf Kunstausstellungen vorzubereiten, die dann gemeinsam besucht werden sollten. Es kam eine Gruppe in Klassenstärke zustande, die ich daraufhin interviewte, was sie sich eigentlich vorstellte: Gewohntes, Beruhigendes, was man eigentlich schon kennt, oder Aufregendes, Neuartiges, das möglicherweise andere Perspektiven liefert und zur Diskussion reizt. Letzteres bekam unrealistischerweise den Zuschlag.
Da in Bremen gerade die Ausstellung „Originale echt-falsch“ mit Nachahmungen, Kopien, Zitaten und Fälschungen in der Gegenwartskunst angeboten wurde, begann ich die Gruppe darauf vorzubereiten. U.a. hatte Marcel Duchamp 1919 einer Mona-Lisa-Reproduktion einen Bart verpaßt, und die Buchstaben-Reihe dadrunter klingt im Französischen wie: Ihr ist heiß am Hintern. Ich zeigte also eine Reproduktion der „Mona Lisa“ und fragte die Gruppe, weshalb dieses Ölgemälde Leonardo da Vincis eigentlich berühmt sei. Die Antworten waren so typisch wie diese: „Der Betrachter hat das Gefühl, Lisa sehe ihn wirklich an, und es scheint, als ob sie eine eigene Seele besitze.“(C. Hesse-Berndorff). Selbst Akademiker behaupten, daß ihre Augen den Betrachter verfolgen, ganz egal, wo er stehe. Im schlimmsten Fall führte dies zu tätlichen Angriffen Verrückter auf das Bild, obwohl dieser Effekt bei JEDER Augen-Abbildung zu beobachten ist, deren Pupillen zentriert sind. Sind sie es nicht, kann man sich noch so weit nach links oder rechts bewegen – man wird NIE angekuckt.

Augentest

Das war also nichts. Was nun? Könnte es sein, daß das Gemälde seine Berühmtheit gar nicht verdient, bzw. daß es aus externen Gründen zu einem Götzenbild der Massengesellschaft wurde, dessen untergeschobene falsche Bedeutungen zu einem trivialen Verschleiß geführt haben? Es gab Zeiten, wo das Bild nur eins von vielen war und in Museums-Auflistungen nicht einmal erwähnt wurde. Erst als es in Napoleons Schlafzimmer hing, wurde es ebenso zur Ikone wie seine Hosen. Objekte aus dem Besitz berühmter Personen bekommen einen Teil deren Aura ab – obwohl niemand sagen kann, wodurch sich Hitlers Mercedes von anderen Fahrzeugen dieser Art unterscheidet. Trotzdem wird das Objekt teuer gehandelt, eventuell gestohlen, gefälscht und bekommt im Laufe der Jahre eine immer ausführlichere Legende. Bis der respektlose Marcel Duchamp auftritt und feststellt, sie habe ja gar nichts an sich und sei nur eine schwül-bürgerliche Ikone.
Als ich am Bahnhof stand und auf die Alten-Gruppe wartete, um mit jener nach Bremen zu fahren, erschien außer der Leiterin nur 1 Frau, Mutter eines meiner Exschüler. Das war das Ende meiner kurzen Karriere als Altenbetreuer.

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