Meine Mutter (II)

Ausfahrt-Uelzen-48

„Wenn man kein Geld hat, denkt man immer an Geld. Wenn man Geld hat, denkt man nur noch an Geld.“ Jean Paul Getty

Das war bei meiner Mutter anders. Ich hatte 10 Wochen Zeit, sie auf ein selbständiges Leben ohne mich vorzubereiten, denn nach dem Tode ihres Mannes gab sie die Löffel komplett ab – wie ein letzter Versuch, mich festzunageln.
Als erstes ordnete ich ihre Akten nach Themen, so daß sie alles leicht finden konnte. Dann klärte ich ihre Finanzen. Sie wußte gar nicht, wie reich sie war. Schon in ihrer 1.Ehe hatte sie immer nur ausgegeben. Obwohl mein Vater gut verdiente, war das Geld meist knapp, weil es in ständig erneuerten Kollektionen verschwand. Dieses Jahr trug sie Grün, im nächsten Rot. Dann mußten es neue Tapeten oder Möbel sein. Ihre sich nie auflösende Unzufriedenheit beobachtend, wurde ich zwangsläufig zum Buddhisten. Ihr 2. Mann verdiente als Professsor noch erheblich mehr, so daß sie sich einen „Hof-Goldschmied“ zulegte, den sie bei der Beerdigung mit ihrem Arzt verwechselte. Ich richtete also eine narrensichere Vermögens-Verwaltung bei der Deutschen Bank für sie ein und restrukturierte die vom Professor vorgenommenen Geldanlagen, der sich auch nicht für Geld interessiert hatte. Entsprechend miserabel waren sie.
Abgesehen davon, daß mein Sohn weiterhin als Helfer erreichbar blieb, gab es mindestens 1 Haushalts-Gehilfin, 1 Steuerberater, Ärzte für die ständigen Wehwechen und einen reservierten Platz in einem Altenheim in Hannover. Ich empfahl meiner 81jährigen Mutter, dort einzuziehen und besonders ihren übergroßen Hund aufzugeben, der sie gelegentlich umriß. Nichts zu machen. Sie wollte ihre Unabhängigkeit behalten, die keine Selbständigkeit war. Wie ihr Gehirn langsam zu Mus wurde, erkannte ich daran, daß ich ihr bei jedem Besuch alles erneut erklären mußte: Wo liegt das Sparbuch? Wie hebt man ab? Wie überweist man?
Das konnte nicht gutgehen, wenn ich nicht mehr da sein würde. Und es ging auch nicht gut. Über ein Sicherheits-System war sie mit einem Rettungsdienst verbunden, der sofort erschien, wenn sie nicht auf ein tägliches Telefon-Signal reagierte. Der fand sie dann 3 Jahre später auf dem Fußboden – zum Glück nicht schon von ihrem Hund angefressen. Danach wurde mein Sohn Vormund und sie in ein Heim eingewiesen, wo sie mit 88 im Jahre 2007 starb.
Als ich am Ende meines letzten Besuchs nach Hause fuhr, sah ich sie im Rückspiegel ein letztes Mal winkend kleiner werden. Diese Szene war bitter, und sie hat sich in meine geistige Festplatte eingebrannt. Ich wußte, daß sie in ein zunehmendes geistiges Chaos taumelte, aber ich konnte ihr vermurkstes Leben nicht reparieren, ohne mich selbst aufzugeben.

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9 Gedanken zu „Meine Mutter (II)

  1. Wie schrecklich, das ist ja ein Kinderwagen aus der gleichen Baureihe wie meiner.
    Wie kann das sein? Ich bin doch vermutlich in einem ganz anderen Jahrzehnt geboren.

  2. Natürlich hast Du meine dumme Erwiderung vorausgesehen, aber ich kann nicht widerstehen:
    Du hattest also als Kleinkind immer mal ein Rad ab?

  3. Darüber wird noch zu berichten sein. Dass mich mein in französischer Kriegsgefangenschaft halbverhungerter Vater so erfolgreich kurz nach Kriegsende zeugen konnte, war ja allein schon ein Wagnis.

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