Neues Da-Sein

4.9.2000
Liebe Mutter,
im 4.Versuch haben wir heute von der Imigrasi in Bitung die 1.Verlängerung unseres Visums bekommen: 1 Monat. Jeden Monat soll sich diese unangenehme Prozedur wiederholen (100,-DM pro Genehmigung). Das ist einerseits so frustrierend und verunsichernd, daß ich schon meine Koffer packen wollte, andererseits ist es aber auch die 1.Anerkennung unseres Aufenthalts.
Gerade liest Aaltje das Antwortschreiben der Zoll-Behörde in Jakarta: Unsere Seefracht (Bücher und Werkzeuge) muß auch noch verzollt werden, weil wir keine Aufenthalts-Genehmigung haben sondern nur ein Besuchs-Visum.
2 Tage lang hatte ich schweren Durchfall. Jetzt bin ich so dünn, daß es sogar den Bauern auf unserem Reisfeld auffiel. Ich habe das Gefühl, als ob mich dieses Land langsam verzehrt. Meine Reserven sind jedenfalls nur noch gering.
Die Internet- und damit Bank-Verbindung steht immer noch nicht. Auch das eine unendliche Geschichte. Daß ein Computer-Fachmann und Dozent an der Uni Manado den PC zusammenbaute, war zwar unbehaglich aber noch in Ordnung. Aber daß er auch die Software gegen meinen Willen installierte, war dann doch fatal. Ich habe Tage gebraucht, bis ich das Chaos, das dieser Mann angerichtet hat, wieder einigermaßen gerichtet hatte.
Ja, und dann das Telefonieren: Wir haben einen Versuch mit Yanto gemacht. Es war wie Funken. Man muß wegen der Satelliten-Verbindung in Portionen reden, die dann zeitversetzt beim Partner ankommen. Kein Vergnügen.
Wenn da nicht vorhin noch der Besuch unseres Reisfeldes gewesen wäre, müßte man diesen Tag wohl als weiteren Tiefpunkt abhaken. Aber dort war es wieder wunderschön. Selbst die Schlange, mit der ich beinahe aneinandergeraten wäre, paßte harmonisch ins Gelände. Gebaut wird überhaupt noch nicht, dazu ist alles noch zu unklar.
Nachdem es mir gesundheitlich so schlecht ging, beim Betreten des „Badezimmers“ eine Ratte im Kackloch verschwand, und bei meinen längeren Sitzungen die großen Ameisen an mir hochkrabelten, haben wir uns verstärkt der Hygiene gewidmet: 5 Ratten mit Klebstoff in 2 Tagen in der Kúche gefangen.
Gerade kommt die Nachricht, daß ein verwandter Busfahrer ein Kind angefahren hat und jetzt in Polizei-Gewahrsam ist. Das geschah gestern hier im Dorf. Die Leute reagieren dann, als ob man in ein Ameisennest sticht. In einem solchen Fall muß der Fahrer den Verletzten so schnell wie möglich ins Auto packen und zum nächsten Krankenhaus flüchten, sonst wird er gelyncht.
Der Lärm, den die fanatischen Christen veranstalten, ist aber vielleicht das, was am meisten nervt. Zwar nennen sie sich Protestanten, praktizieren jedoch einen heidnisch-katholischen Kult, der eigentlich lächerlich und nur gut als Wecker-Ersatz ist. Aber um 5Uhr morgens eine 1-stündige Predigt mit individuellem Falsch-Gesang und Gebeten in völlig verzerrter Lautsprecher-Wiedergabe unerträglich laut mit anhören zu müssen, ist nicht mehr komisch.
Manchmal komme ich mir hier vor wie eine Ratte auf dem Klebstoff.

Rattenleim

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6 Gedanken zu „Neues Da-Sein

  1. Gründe doch einfach eine Gegenkirche.
    Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgepredigt!
    Ich als Boss der Kirche der Ungläubigen Hunde könnte Dich ja zum Inselkirchenoberhundeboss ernennen. Dann darfst Du auch lautsprecherverstärkt beim morgendlichen Songcontest mitmachen.

  2. Haben die Christen dieses frühe Geschrei bei den Muslimen gelernt? Die rufen bei Sonnenaufgang jeden Tag, beten sei besser als schlafen.

  3. Sicher ist, daß es diesen Wahnsinn in den 80ern noch nicht gab. Ich wäre nicht hierher gezogen! Sie haben es deutlich von den Moslems kopiert, und es ist Teil einer zunehmenden protestantisch-totalitären Bewegung, deren Ziel ganz Indonesien ist. Das Erstaunliche ist, daß man jedem Idioten erlaubt, auf seine persönliche Art ins Mikrofon zu blöken (auch Kleinkindern) und x-beliebige Musik zu senden. Und nicht nur jeder aus dem Westen sondern auch von anderen indonesischen Inseln fragt sich: Was ist hier eigentlich los? Übrigens lehnen die Katholiken und die vielen Pfingstler-Sekten diese sehr weltlichen Zirkus-Nummern ab. Letztere haben dafür ihre hysterisch-amerikanische Gospelei, die sie bei Feiern im 1km Radius zum Mitsingen senden.
    Reden und Predigten – ob politisch oder religiös – immer im Goebbels-Stil. Und alle totalitären Religionen – auch der Buddhismus – versuchen die Menschen mit Schlafentzug zu manipulieren.

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