How are you?

cock-brand

18.9.2000
Liebe Mutter,
ich bin seit 1 Woche übel krank. Zuerst hatte ich wieder so einen 2-tägigen Total-Durchfall. Diesmal mit 40˚ Fieber. Ich konnte überhaupt keine Nahrung in mir behalten. Aaltje machte sich große Sorgen und wollte mich ins Krankenhaus bringen, besonders als am 3.Tag Blut anfing, aus mir rauszufließen. Ich wollte aber nicht in dieses primitive Krankenhaus und wurde schnell so schwach, bis ich es nicht mehr konnte. Während ich mir schon überlegte, was noch abschließend zu erledigen wäre, ging es mir dann doch etwas besser, und wir fuhren mit dem öffentlichen Bus zum Krankenhaus. Dort hatten wir noch 1Std. zu warten, weil erst die Visite und danach die Behandlung eines alten Mannes, der von nix mehr was wissen wollte, beendet werden mußte. Dies geschah inmitten des munteren Treibens der Zigeunersippe des Alten, der in einem etwas gebrauchten Rollstuhl herumgeschoben wurde: Räder schief, einige Speichen fehlten oder schlackerten verbogen am Rad, und Reifenprofile sind in diesem Land sowieso unüblich, da es kein Glatteis gibt. Dann wurde ein vor sich hinsterbender junger Mann wenige cm an meinem Kopf vorbeigeschoben. Wir nahmen gemeinsam Anteil, besonders als die verrostete Rollbahre über einen Huppel huppelte, haben alle herzlich gelacht. Diese öffentliche Behandlung, nur durch einen unzureichenden, blutbefleckten Vorhang vom zugigen Warte-Korridor getrennt, wird im deutschen Mittelalter ähnlich abgelaufen sein. Es war jedenfalls so interessant und amüsant, daß es mir zunehmend besser ging.
Zwischendurch, nachdem noch ein Sonnenschirm in den Warteraum geweht wurde, wog man mich öffentlich (78kg) und maß mir halböffentlich den Blutdruck (normal). Dann war ich an der Reihe, was das Publikum natürlich sehr interessierte. Der alte Dr. Ludong, der wie ein schwerer Säufer wirkte, aber in Holland studiert hatte, begrüßte mich auf englisch: „How are you?“ Und ich antwortete verwirrt und reflexhaft: „Fine.“ Worauf er ganz richtig feststellte, daß ich dann ja keinen Arzt bräuchte. Ja, es ist nicht so einfach, polyglott zu leben. Trotzdem horchte und drückte er an mir rum, bohrte in meinem Darm, daß ich hätte schreien können vor Schmerz, und diagnostizierte per Augenschein einen Virus, der z.Z. sehr verbreitet ist, seine ganze Familie hätte ihn auch. Durch den permanenten Durchfall ist das Darmende so geschädigt, daß es blutet und fürchterlich schmerzt, aber nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte. Zwischendurch wuselten immer wieder Krankenschwestern herein, die natürlich solch einen nackten, weißen deutschen Hintern vorher noch nie sahen. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Aaltje dagegen versuchte mich wenigstens vom Publikum abzuschirmen.
Bevor mir der sehr freundliche Doktor Metronidazole, Vitazym und Amoxicillin 500 in genau dosierter Menge verschrieb, zitierte er noch aus dem „Erlkönig“ von Goethe:

„Wä reitet sso sspät duch Nacht un Wind?
Ssis dä Fatter mit ssein Kind!“

Was mich daran erinnerte, wie wir auf unserer 1.Indonesien-Reise mit Klein-Yanto durch die Nacht fuhren nach Bitung zum Arzt, weil sein Zustand so besorgniserregend geworden war, obwohl er das selbst in seinem Spielrausch gar nicht wahrnahm.

Das Ganze kostete etwa 19,-DM. Der Arzt, dessen Behandlung davon ~1,50 DM ausmachte (inkl. Goethe-Zitat), sagte nicht: In 1 Woche möchte ich Sie wiedersehen!, Nein, er meinte, ich könne wiederkommen, wenn es nicht besser würde. Oder wenn ich wollte. Für das Goethe-Zitat wurden auch kein Beratungs-Zuschlag mit Faktor 1,5 oder ähnliche Raubritter-Ideen eingesetzt.

Jetzt muß ich nur noch gesund werden. Zwar verbringe ich meine Tage nicht mehr überwiegend auf dem Klo, wo als Abwechslung nur gelegentlich die Küchenratten vorbeischauen und große, schwarze Ameisen an mir hochkrabbeln, aber der Durchfall ist immer noch heftig und so schmerzhaft, als ob mir jemand Sandpapier durch den Darm schiebt. Besonders Sitzen ist ein Problem. Wir hatten vermutet, es käme vom Wasser, das wir aus dem Brunnen schöpfen müssen, der sich 4m neben und unterhalb der Kackgrube befindet, oder von den Ratten oder überhaupt vom ganzen Dreck, der uns umgibt. Aber gegen einen Virus ist kaum etwas zu machen. Alle wissen von nix was, nehmen es leicht und sterben schnell.
Ja und dann funktioniert zwar die Internet-Verbindung zu meiner Bank, aber jene erkannte meine Konfiguration nun nicht mehr und sperrte gleich den Zugang. Da fange ich jetzt auch wieder von vorne an, was überhaupt eine momentan typische Erscheinung ist.

Bist Du wenigstens gesund und halbmunter? Wahrscheinlich wirst Du bald heizen müssen. Die Wärme ist doch sehr ungerecht verteilt auf dieser Welt. Wir haben in den Räumen nach heftigem Regen schon 30˚, Diesel- und Abfall-Verbrennungsgeruch in der Luft, zu viel Lärm, Mückenstiche jeden Tag, usw..

Der Boden auf unserem Baugrundstück, das nun nicht mehr als Reisfeld bewässert wird, ist hart wie Stein geworden. Mit meiner neuen chinesischen cangkul (Hacke Marke „Cock“) ließ sich gar nichts ausrichten. Da mußte ich zu meiner deutschen Spitzhacke greifen – bis die Krankheit mich umwarf. Nun läuft dort wieder nichts. Ein chinesischer Verwandter, einer der reichsten Männer Bitungs, wohnhaft in einer Art Palast von langweiliger Geschmacklosigkeit, pflegt in solchen Fällen zum Handphone zu greifen und zu bemerken: „No problem!

Nun beißt mich wieder was in den nackten Fuß, ein cicak (Gecko) rast die Wand hoch, 3 Spatzen fliegen durch’s Wohnzimmer, der PC ist überraschenderweise immer noch nicht abgestürzt, und der letzte Stromausfall war vorgestern.
Ahoi!

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