Kampf mit Göring

Boelckes-Testbericht

19.11.2000
Liebe Mutter,
das November-Wetter wird Dir hoffentlich nicht zu sehr auf die Stimmung drücken. Hier haben wir jetzt oft 33˚ in diesem verbauten Haus, während es draußen durchaus erträglich ist. Drinnen aber schmilzt das Hirn zu Mus. Jeden Tag 1x Wolkenbruch, dann wieder strahlend blauer Himmel. Trotzdem ist die Stimmung nicht gut, denn ich bin zwar gesund aber zu weitgehender Untätigkeit gezwungen. Mit dem Jeep ist es auch keine reine Freude. Die kaputten Bremsen sind repariert (150,-DM), und ich kann jetzt bergauf fahren, was in einer so gebirgigen Landschaft eigentlich der Regelfall ist. Das Um-die-Ecke-fahren ist jedoch aus okkulten Gründen immer noch sonderbar. Auch hoffe ich, den Wagen regendicht zu bekommen. Unter mitteleuropäischen Gesichtspunkten sind wir wieder einmal schwer betrogen worden, hier dagegen ist das alles ganz normal. In D würde bei dem Zustand der Reifen sofort die Fahr-Erlaubnis entzogen, hier fährt man damit mindestens noch 1 Jahr.
Auf meiner 2. größeren Ausfahrt habe ich gleich eine Schlange von beachtlichen Ausmaßen übergemangelt. Sie kam plötzlich von rechts, hatte aber keine Vorfahrt. Gut 2m lang und dick wie ein Aal. das vordere Viertel warngelb, der Rest schillernd grünlich und glänzend. Mit allen 4 Breitreifen darüber. Die größte Schlange, die ich bisher in freier Wildbahn getroffen habe. Jetzt isse platt.
So gegen 14Uhr kommt man dann schnell in eine Land-unter-Situation, in der man zwar den Jeep gut gebrauchen kann, aber besser wäre ein Amphibien-Fahrzeug, denn bei dieser Regenstärke sind die Straßen, besonders in Tälern sofort überschwemmt. Am schwierigsten sind aber für den Autofahrer die Löcher, die überall und sehr plötzlich auftauchen, so daß es einem fast das Fahrgestell wegreißt, wenn man sie zu spät bemerkt. Schneller als 60 kann man nicht fahren. Ein Verwandter hatte vor einer Woche einen schweren Motorrad-Unfall mit erheblichen Knochen-Brüchen und Kopf-Verletzungen, ist aber nicht operiert worden, weil die Angehörigen das Geld dafür noch nicht abgeliefert haben. Wer kein Geld hat, stirbt früher.
Neben den Brüllereien aus der Kirche (manchmal schon morgens ab 4:40) werden wir, an einen Hinterhof anschließend, noch von einem Hühner-KZ belästigt. Ich wußte gar nicht, wie sehr sowas stinken kann. Damit keine Massenpanik eintritt, läßt man ein Radio den ganzen Tag laufen – mit der hier üblichen Dorflautstärke. Zum Teil Aufnahmen von amerikanischem Hysterie-Gegospel. Manchmal auch die Nacht durch. Aaltje hat sich gerade bei der Nachbarin beschwert. Vor Schreck machte die es gleich ganz aus. Die Leute sind meist einfach zu dumm, um weiterzudenken als bis zur nächsten Banane. Ich hatte schon erwogen, die Hühner mit meinem Anblick zu erschrecken. Die 1. überraschende Konfrontation mit einem Weißen würde vielleicht ein Massensterben auslösen, aber sie sind selbst weiß. Dann gäbe es noch die Möglichkeit, zum Jahreswechsel einen Kanonenschlag zufällig neben dem Stall detonieren zu lassen. (Durchgeführt. Keiner starb, aber ich verlor vorübergehend linksseitig die Hörfähigkeit.)
Abends werden wir oft von Maikäfern besucht, die zwar etwas kleiner als in D sind, aber sonst original. Haben sich wohl im Kalender geirrt. Aber hier ist sowieso immer Juli.
Die viele Zeit vertreibe ich mir jetzt u.a. mit einer PC-Flugsimulation, die im 1.Weltkrieg spielt. Neben Udet, Bölcke und anderen Flieger-Assen mußte ich auch Hermann Göring bekämpfen. 2x hat er mich erwischt, dann habe ich ihn vom Himmel gefetzt. Eine stark schweißtreibende Angelegenheit. Hinterher muß ich mir immer gleich ein paar Eimer Wasser überkippen. Natürlich alles selbst geschöpft. Während ich dies schreibe, laufen schon wieder Schweiß-Tropfen an mir runter.
Ja, liebe Mutter, so rosig ist das hier alles nicht und eine erträgliche Existenz noch in weiter Ferne, aber wenigstens bin ich gesundheitlich stabil und Aaltje auch, die sich in unserer unmöglichen Küche abschwitzen muß. Die Ratten kommen immer wieder, jetzt in der Regenzeit zusätzlich Kakerlaken, und Ameisen sind einfach überall, auch im PC.
Im Supermarkt in Manado haben sie einen Weihnachtsbaum aufgestellt, der ganz aus Bierdosen und -flaschen besteht. Weihnachtslieder singen sie sowieso das ganze Jahr. Überhaupt singt der Indonesier dauernd, wenn er nicht schläft. Ob er es kann, spielt keine Rolle. Hauptsache laut (Gerade gröhlt wieder die Frau vom Pastor. Die ist so fanatisch, daß sie sich fast überschlägt – ihre Stimme. Was hier fehlt, ist ein Aufnahme-Gerät. Vielleicht würde mancher dann das Singen einstellen, wenn er sich selbst hört.). Aber daß ich vom deutschen Weihnachts-Rummel nichts mehr mitkriege, ist doch eine Erleichterung des Lebens.

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2 Gedanken zu „Kampf mit Göring

  1. In dem Abschieds-Zeitungsartikel stand aber, das sei so sicher dort, weil christlich. LOL
    Führt denn das Pfarrersweibgekeife nicht zum Volksaufstand?
    Im Wald versteckt sich bestimmt noch ein Japaner, der zu stolz zum Kapitulieren ist.
    Gib dem 50 Mark und neues Khaki-Zeug, der freut sich und erledigt das Problem.

  2. Historisch gesehen, war es auch sicherer als die meisten anderen Stellen, nur wusste ich damals noch nicht, wie radikal die Christen inzwischen geworden waren. Ausserdem kamen wir in die sehr anarchische Phase nach dem Sturz von Suharto.
    Widerstand ist 1. nicht üblich und 2. in einer Christen-Enklave schon gar nicht. Die christliche Führung hat zudem einen Sonderstatus.
    Von den Japanern existieren nur noch die Bunker:
    http://minahasato.wordpress.com/2011/07/30/hhlenleben/

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