Meine Mutter (IV)

3.12.2000
Lieber Thomas!

„Und ich werde gehen.
Die singenden Vögel werden bleiben.
Und mein Garten wird bleiben.
Und die Glocken werden vom Kirchturm läuten,
wie sie heute Abend läuten.
Und in jeder Ecke meines blühenden Gartens
wird mein Geist sein.“

(Da war kein bemerkenswerter Garten oder Geist! Besonders der Garten war für einen Biologie-Professor eher peinlich.)

So lebe ich in der Erinnerung an Erich und an mein einziges Kind! – Vielleicht wirst Du Deinen Sohn auch hin und wieder vermissen.
Am Toten-Sonntag war ich mit … in der Kirche … dabei habe ich [den Pastor] gefragt, ob er etwas von Dir gehört hätte und er teilte mir mit, daß z.Zt. sein Komputer abgestürzt ist.
Von meinem Enkelsohn … weiß ich nur, daß er in Bremen bei seiner Ex wohnt u. ich habe ihn zum 2.Advent eingeladen, … Bis jetzt NICHTS! Es ist sehr tröstlich, wenn man ein liebevolles Enkelkind hat; wenn ich ihm ein Auto geschenkt hätte, wäre er sicherlich öfters hier. Ich habe inzwischen eine indonesische Seite kennengelernt, die Dir hoffentlich erspart bleibt. Ich hatte auch Yanto gebeten, Dir zu faxen, daß es mir nicht gut geht u. deshalb nichts von mir hören ließ.
Ich habe das Gefühl, er ist immer sehr fröhlich, wie seine Mutter, – aber das allein reicht ja nicht, vor allem, wenn man nicht aufrichtig ist! –
So lebe ich also und denke, daß ich alles so ziemlich im Griff habe. Ich fülle meine Tage mit Gartenarbeit, Hausarbeit, Hundebetreuung, Arztbesuchen und laufenden Überweisungen (Finanzamt usw.) aus. Ich schrieb Dir schon, daß ich mit dem Friedhof alles geregelt habe, jetzt fehlt nur noch die Beihilfe u. das werde ich auch noch schaffen, wenn mich nur nicht so viel Kopfschmerzen quälen würden; …
Hoffentlich bist Du inzwischen nicht im Dreck versunken und Du lernst auch mal die guten Seiten, dieses – wie Du mir mal sagtest – „so liebenswerten Volkes“ kennen.

Bitter, bitter! Die Nazi-Ideologie saß ihr tief im Hirn. Wie die Russen die Heimat, hatten rassisch Minderwertige ihr nun den Sohn weggenommen. Auch Polen und Juden taugten nix, obwohl sie dann gelegentlich in Form von Putzfrau oder Bekannter durchaus in Ordnung waren – bis irgendwas nich nach ihrem Plan lief. Dann taugten sie wieder generell nix. Indonesische Restaurants ebenso. OK, das „liebenswert“ nehm ich zurück. Diese Einschätzung beruhte auf unzureichender Ferien-Erfahrung.
Tatsächlich hatte sie nichts mehr im Griff, sondern befand sich im raffinierten Griff einer hyänenhaften Entourage. Sie speicherte auch nicht mehr, wer sie wann besucht hatte. Und es gab immer einen Grund, nicht zu schreiben.

„Weggehen heißt also, einen vielleicht hoffnungslosen Versuch machen, wenigstens noch einen Teil der Lebenszeit zu retten, statt in dem verfaulten europäischen System samt und sonders zu verrotten.“ Bernward Vesper, „Die Reise“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s