Katastrophen-Gebiet

Wohnzimmer

1.12.2000
Liebe Mutter,
geht’s Dir gut? Mir auch nicht. Abgesehen vom Durchfall, der so einmal die Woche beständig wiederkehrt, haben wir zur Zeit sintflutartige Wolkenbrüche von Südwesten her zu ertragen, die – und das ist wieder eine neue Erfahrung – waagerecht durch die Dauerlüftungs-Öffnungen über Fenster und Türen fetzen. Von Sumatra her kommt die Flut und setzt die Straßen in den Tälern unter Wasser. Da bleiben wir lieber im Haus, wo wir aber auch nicht trocken leben können, da es hier und da durch’s Dach tropft. Wir rücken unsere wenigen Habseligkeiten hin und her, aber vor dem Dunst, der heute Morgen herrscht, bleibt nichts trocken. Der Spiegel im „Wohnzimmer“, vor dem ich mich naß rasiere (der Teppichboden ist sowieso voller Wasserflecken), beschlägt und meine Brille auch. Ich warte nur noch auf einen Kurzschluß im PC. Gestern war so ein höllisches Gewitter, daß mein Modem seinen Geist aufgegeben hat. Jetzt bin ich vom Internet abgeschnitten, und die Jagd nach einem neuen Modem beginnt. Es war aber auch dumm von mir, nicht rechtzeitig alle Stecker rauszuziehen.
Die Ratten fangen wir jetzt mit Fallen aus Maschendraht. Gleich in der ersten Nacht tobte eine drin und biß sich die Nase am Draht blutig.
Der Jeep kann nun auch Kurven fahren, wird aber zur Zeit gerade mal wieder in einer Werkstatt in Manado repariert und umgebaut, weil einer von 3 Keilriemen eine Größe hat, die kaum noch zu bekommen ist. Zum Glück sind die Werkstattkosten gering.
Ansonsten haben alle Schnupfen, ich ebenso, und Aaltje hustet stark.
Das Unwetter hat aber auch vorteilhafte Seiten, kann ich doch so noch vor Baubeginn problematische Stellen in den Plänen ändern. Der Bauplatz sieht wie eine finnische Seenplatte aus. Ich gehe schon gar nicht mehr hin.
Kürzlich habe ich versucht, bei der Advance-Bank, ein Tochter-Unternehmen der Dresdner, ein Internet-Konto zu eröffnen. Sie schickten mir Formulare („Sehr geehrter Herr Manado-Kema“), mit denen ich mich in einer Filiale der Dresdner Bank oder in Anwesenheit eines Mitarbeiters der Deutschen Botschaft (3Std. Flug nach Jakarta) legitimieren sollte. Vielen Dank, ich werde mal im Urwald nachsehen, ob ich eine Filiale finde.
Jeden Morgen esse ich jetzt australischen Haferflocken-Brei. So verdunste ich wenigstens nicht. Um die Flocken zu kaufen, müssen wir ~45km bis nach Manado fahren. Dort essen wir immer im „Kentucky-Fried-Chicken“-Restaurant. Da gibt es wenigstens anständiges Essen: Pommes mit Tomaten-Sauce!
Der reichste Chinese im Dorf hat seinem einzigen Sohn ein Motorrad geschenkt, worauf dieser sich damit besoffen das Genick gebrochen hat. Gestern passierte der Trauerzug mit Kapelle (wie in New Orleans) unser Haus. Da sich in der Dorf-Kurve schon öfter solche Unglücke ereigneten, sehen die Wilden dort nachts immer wieder Geister.
Noch irgendwas Positives? – Sorry, aber mir fällt im Moment nichts ein – ach ja, es regnet zur Zeit nicht.

Gerade kommt Aaltje vom Markt zurück und berichtet, wie es draußen aussieht: Mitsamt Bewohnern weggespülte Häuser, Straßen unterspült, aufgequollen, zerbrochen, eingestürzte Mauern, Gartenteile und große Steine auf den Straßen, die Strecke nach Bitung wegen einer eingestürzten Brücke unterbrochen. Wenn die nach Manado auch kaputt ist, kommen wir vorerst nicht an unseren Jeep und schon gar nicht an ein Modem. Erstaunlich, daß es Strom gibt. Die Regierung will Notmaßnahmen ergreifen. Da lebe ich mitten in einem Katastrophen-Gebiet und bekomme wieder nichts mit.

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2 Gedanken zu „Katastrophen-Gebiet

  1. oha, da war ja was los und das gleich zum einstand in der neuen heimat. das ist aber nicht in jeder *regenzeit* so, oder?
    lgr. aus deutschland, wo es auch grade mal nieselt. verena

  2. Bei uns im Dorf nicht, aber irgendwo anders passiert immer was bei solchen Fluten. Z.B. sind gestern in Manado wieder einige Autos weggeschwommen.

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