Fehler, Lärm & Weisheit

Fundamente

18.3.2001
Liebe Mutter,
… Deine Klagen über Yanto habe ich ihm noch am selben Tag per Email übermittelt (Neulich ist wieder mein Modem vom Blitz getroffen worden. Jetzt besitze ich schon das 3.. Yanto konnte lange nicht mailen, weil die Post ihn versehentlich abgeschaltet hat!). Ich weiß, daß er z.Z. eine Wohnung in Bremen sucht, obwohl er eine in Rotenburg und dort auch seinen Arbeitsplatz als Kommunikations-Elektroniker hat. Aber das muß er am besten wissen, auch wie er sich ernährt.
Natürlich wird an den Schulen noch Rechtschreibung und Zeichensetzung geübt, jedoch nicht mehr so intensiv wie früher, und die jungen Leute lesen nicht mehr viel. Inzwischen ist fast alles, was in den letzten Jahrzehnten an den Schulen schiefgelaufen ist, zurückgedreht worden, aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis wieder Generationen auf dem Markt sind, die sich richtig ausdrücken können. Außerdem weiß nach Inkrafttreten der Neuen Deutschen Falschschreibung sowieso keiner mehr, was richtig ist. Übrigens enthielt der Passus mit Deiner Kritik an Yanto mehrere Fehler. Wer hat also Schuld?

In einem Dorf wie dem unsrigen, wo von morgens bis abends über Gott geblökt wird, müßten eigentlich nur Muster-Christen leben. Tatsächlich aber gibt es recht anarchische Tendenzen. Vorletzte Nacht z.B. begann ein offensichtlich volltrunkener Jugendlicher unseren Jeep mit den Füßen zu bearbeiten. Bis ich aus dem Bett und draußen, war er schon davongelaufen. Alkoholisierte Jugendliche ohne Arbeit sind hier Problem Nr.1. Danach kommt der Lärm. Vorhin habe ich gerade indonesisch vom Balkon gebrüllt: „GENUG HALLELUJA!“ Unsere wahnsinnigen Pfingstler-Nachbarn, die regelmäßig Erweckungs-Abende veranstalten, in denen ein Prediger brüllt, als ob er jemanden umbringen will, berieseln sogar ihre Hühner mit kassertierten amerikanischen Ekstase-Gottesdiensten. Dabei ist ja gar nicht sicher, ob diese Hühner auch Christen sind. Irgendwann gerate ICH dann in Ekstase und fange auch an zu brüllen. Dann kucken diese sogenannten Christen ganz erstaunt. Problem Nr.3 in Indonesien ist der religiöse Fanatismus. Die Christen sind genauso irre wie die Moslems. Und wenn die größte Lärmquelle die „protestantische“ Kirche ist, was soll man dann den besoffenen Arbeitslosen sagen, die am liebsten die ganze Nacht durch’s Dorf lärmen.

Glücklicherweise kann ich jetzt jeden Tag auf den Bauplatz entweichen, wo die Arbeit vorankommt. Wir haben 1km Straße, 2 Wassertunnel, einen Feldherrn-Hügel, einen Deich, einen Wendeplatz, 1 Bambus-Unterstand mit Palmblattdach, das schon wieder auseinanderfällt, 1 Bauhütte aus Holz mit Wellblech-Dach, in dem es sich schon Hühner gemütlich machen, und das Fundament für die Garage fertig. Jene ist als chinesischer Pavillon getarnt und wird auf sehr reizvolle Weise exponiert in der Landschaft stehen. Unseren Arbeitern muß ich dabei immer wieder deutsche Qualität abfordern, denn sie haben ihre eigene solid-traditionelle Holzbauweise völlig verlernt, und wegen der allgemeinen Krise gibt es viele Baumaterialien nicht mehr. So erleben wir das Dilemma, daß wir zwar bauen können, wie wir wollen, aber nicht die Materialien bekommen. Meist dauert es dann eine Weile, bis jemand den für indonesische Verhältnisse riesigen Deal riecht und uns doch noch Holz anbietet, welches etwas größere Dimensionen als für den Bastler-Bedarf hat. Ach gäbe es hier doch Baumärkte wie in D! Was habt Ihr dort für eine Auswahl und welchen Überfluß an Produkten! Allein zur Beschaffung von Fußboden-Platten mußten wir mit unserem Katastrophen-Jeep wieder eine „Camel-Trophy-Tour“ in die wilden Berge machen. Auf dem Rückweg kamen wir dann endlich mal an unserem Meer vorbei. Es ist zwar nur 5km entfernt, aber entweder haben wir keine Zeit, oder es regnet. Es war eine so schöne Küsten-Stelle, daß man die Fischer eigentlich darauf hinweisen müßte, in welcher Natur-Schönheit sie leben. Das ist den Leuten meist nicht bewußt. Erst wenn ein Weißer sein Haus baut, gucken sie genauer hin und wollen dann gleich auf dem Bauplatz picknicken. Da tun sich schon wieder neue Problemfelder auf!

Inzwischen haben wir die 1. 6-Monats-Verlängerung unserer Visa bekommen, und der letzte Stand ist, daß wir mit diesem Visum überhaupt keine Daueraufenhalts-Genehmigung erhalten können. Wir leben rechtlich also weiterhin auf sehr dünnem Eis. Und das bei 30˚ im „Wohnzimmer“. Dazu noch diese schwülen Gesänge aus der Kirche schräg gegenüber: „TUUUHHAAN, TUUUHHAAN!“ oder „JÄÄSSUUS!“ Bei der Popin nebenan hängt immer noch die Weihnachts-Dekoration. Ich nenne sie nur „tukang ribut“ (Meisterin des Lärms). Die Wilden werden mich noch verbrennen.

Ich hoffe, Dir bald mal Fotos vom Bauplatz schicken zu können. Aber es wartet noch sehr viel harte, schweißtreibende Arbeit auf uns. Da die Regenzeit nun deutlich schwindet, könnten wir vielleicht noch in diesem Jahr umziehen (Leider nicht!). Schwer abzuschätzen. Nachdem wir unseren Baumeister mit chinesischen Vorfahren wegen Unfähigkeit gefeuert und durch einen mit japanischen ersetzt haben, läuft es recht gut. Zumal er pleite ist und sich deshalb bei unserem Projekt sehr engagiert (Bis wir es merkten und ihn feuerten, kassierte er von jeder Material-Lieferung einen Anteil.).
Heute haben wir mit einem Nivellier-Gerät, das ich noch in D gekauft habe, den Höhenunterschied vermessen. 1,5m müssen wir mit dem Hausfundament ausgleichen. Ergibt architektonisch sehr interessante Plattformen. Es wird mein letztes Kunstwerk. Für einen kleinen Wasserfall liegen schon Felsbrocken bereit, und Bambus wächst in verschiedenen Variationen. Hoffentlich erlebe ich das fertige Werk noch, aber ich freue mich an jedem Tag, an dem ich etwas in freier Natur gestalten kann.

Zum Schluß noch einen Auszug aus den 14 Leitsätzen für das menschliche Leben der „Vereinigung junger Universal-Buddhisten“, die ich von Aaltjes buddhistischem Frisör bekommen habe:

1. Der bedeutendste Gegner des Menschen ist sein Selbst.

5. Der größte Irrtum ist sich aufzugeben.

8. Die lobenswerteste Eigenschaft ist das beständige Bewußtsein.

9. Die größte Zerstörung des Menschen ist die Verzweiflung.

12. Das größte Geschenk ist großherzig zu sein und verzeihen zu können.

13. Der größte Fehler des Menschen ist seine Eigenschaft zu klagen und keine Weisheit zu besitzen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s