Kurz und klein

Auswanderer

14.6.2001
Liebe Mutter,
der Bau macht Fortschritte, aber sehr zähe. ¾ der Fundamente sind fertig. Aus Flußgestein erhebt sich unsere „Burg“ mit noch leeren Wassergräben. Wie auch im Moor ein magnetischer Anziehungspunkt für einheimische Touristen, denn niemand baut so. Nicht so solide und nicht in dieser geheimnisvollen Form. Die Dachziegel sind schon aus Jakarta eingetroffen. Wie beim restlichen Material haben wir große Schwierigkeiten, überhaupt etwas und das Richtige zu bekommen. Das noch vor Jahren relativ große Angebot an Baumaterialien ist wegen der allgemeinen Krise gewaltig geschrumpft. Besonders schwierig ist die Holz-Beschaffung geworden, denn es wird jetzt intensiv kontrolliert, ob geschützte Hölzer gehandelt werden. Dabei kann man nach wie vor in jeder Hinsicht schwarzes Eisenholz bekommen, man muß nur die Bestechungsgelder zusätzlich bezahlen und das Risiko eingehen, angeklagt zu werden. Der Polizei geht es nicht um Wald-Schutz sondern um zusätzlichen Verdienst. Bei den Dachziegeln blieben nur matt blaugrün glasierte übrig, die chinesisch aufgebogene Ecken und Schmuck-Endstücke besitzen. Das wird zu roten Beton-Säulen sehr exotisch aussehen. Und das soll es auch. Ein großer Jammer ist, daß das ehemals große Kachel-Angebot verschwunden ist, und ich jetzt aus den dürftigen Resten etwas Ansprechendes zu gestalten habe. Nach wie vor sind wenigstens die Preise meist deutlich niedriger als in D.
Kontrollieren muß ich auch, denn es kommt doch immer wieder vor, daß in meinem durchdachten, erdbebengeschützten Betonpfeiler-System eine der Stützen an eine Stelle gesetzt wird, wo sie nicht hingehört. Auch werden wir nach wie vor auf vielfältigste Weise betrogen. Unser 2. Bauleiter ist u.a. deswegen fristlos rausgeflogen. Jetzt haben wir den 3.. Der hat auf Java als Versicherungs-Vertreter für eine westliche Firma gearbeitet, besitzt also wenigstens Management-Fähigkeiten (Leider nich die richtigen. Außerdem fand ich ihn gelegentlich schlafend.). Der vorige, japanischer Abstammung – verwandt sind sie in diesem tausendjährigen Inzucht-Gebiet sowieso alle mit uns – hat die Preise der Sand- und Stein-Lieferanten manipuliert und sich so zu seinem fürstlichen Lohn noch etwas hinzuverdient. Das haben wir aber erst bemerkt, als wir ihn wegen krasser Unfähigkeit gefeuert und die Bestellungen selbst organisiert haben. So wurde uns klar, warum uns alle vor dem hoch verschuldeten Mann warnten. Da konnte einer den Hals nicht voll genug kriegen, und nun hat er gar nichts. Unbegreiflich! Selbstorganisiertes Bauen kann jedoch auch in D in den Wahnsinn treiben.

Neulich fand ich auf dem Bauplatz einen gewaltigen, schwarz-grünlich schillernden Nashornkäfer. Der wär’ wieder was für Erich gewesen. Inzwischen besitze ich sogar 5 junge, hübsche Hühnchen. Mit einem hab ich mich angefreundet, und jetzt laufen sie mir alle nach und lassen sich streicheln. Der Hahn, wie die andern auch, in den Farben der Urrasse, übt schon Krähen. Leider hat 1 Huhn Rheuma bekommen. Gestern habe ich seine Beine mit Palmwein-Essig eingerieben. Wir nennen es „Huckebein“. Sie haben 2,-DM/Stck gekostet.
Eine trächtige Ziege werden wir auch noch kaufen müssen, denn das Gras ist schon sehr hoch und eine Motorsense so teuer wie in D. Aus Erfahrung weiß ich, daß die nicht lange halten, aber eine Ziege kann man wenigstens noch aufessen, wenn sie nicht mehr funktioniert. Das hohe Gras mit den Wildkräutern sieht zwar gut aus, zerschlitzt einem aber die nackten Beine. Auch halten sich dort gern Schlangen auf.

Anfang Juli müssen wir wieder unseren halbjährigen Rausschmiß aus Indonesien verkraften. Diesmal wollen wir lieber zur buckligen Verwandtschaft nach Australien. Vom nähergelegenen Davao/Philippinen haben wir die Nase voll. Wie mir ein dort lebender Deutscher schrieb, soll die Kriminalität jetzt dadurch reduziert worden sein, daß dort der Bürgermeister hartnäckigen Ganoven sein Killer-Kommando schickt. An sich auch für unser Dorf keine schlechte Idee, aber wer kontrolliert die Killer? Der junge „König der Straße“, der kürzlich nachts einen Lynchmob gegen uns leitete und danach zusammen mit seinem Sekretär ein schriftliches Reue-Bekenntnis vorlegen mußte – uns und andere nicht mehr zu belästigen – ist von einem Kumpel, den er im Suff geschlagen hat, niedergestochen worden, hat jedoch leider überlebt. Sein Sekretär, der schon von unserem Elektriker mit dem Haumesser verfolgt wurde, ist nachts maskiert bei einer Nachbarin eingedrungen, um zu stehlen oder zu vergewaltigen oder beides, und wird jetzt endlich von der völlig unfähigen Polizei gesucht. Wenn ich hier mal klar Schiff habe, schreibe ich Kurzgeschichten à la Tschechow. Jede Menge Material!

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