Leute ohne Gott

23.10.2001
Liebe Frau Brambach,
vielen Dank für Ihren Brief, der uns sehr geholfen hat, die Lage in Isernhagen besser einschätzen zu können.
Die Briefe meiner Mutter werden immer kümmerlicher. Sie ist 365 Tage im Jahr krank, und alle anderen sind schuld daran. Weder von meinem noch von Yantos Geburtstag hat sie Notiz genommen, meine Frau ignoriert sie ja sowieso. Ein Brief an mich könnte ja unterwegs verschollen sein, aber was erwartet sie von ihrem Enkel, wenn sie sich so verhält? Er spürt, daß er nicht wirklich angenommen wird. Genau wie sein Vater, muß Yanto sein eigenes Leben bewältigen und kann nicht das falsche Leben seiner Oma/Mutter in Ordnung bringen.

Die Lage hier ist schwierig. Allein an einem Tag wie heute passierte so viel, daß die Zeit rast, und uns erst bewußt wurde, wie lange wir schon hier sind, als unser verwandter Vermieter neulich wieder kassieren kam. Am frühen Morgen lief unser 3. Bauleiter verbal Amok, forderte unsere Arbeiter zum Kündigen auf („Ihr arbeitet für Leute ohne Gott!“) und verließ dann die Baustelle. Auch wenn alle wissen, daß sich da jemand falsch verhält, ist es hier merkwürdige nationale Art, daß der, der die offensichtliche Schuld hat, den auch noch beschimpft, den er geschädigt hat. In dieser Situation werde ich dann gleich auf doppelte Weise bedroht: durch tiefsitzenden Haß auf Ausländer und „Reiche“. Dieses absurd irrationale Verhalten haben wir zwar schon oft erlebt, können uns aber nicht daran gewöhnen. Vormittags wurde dann mal wieder eine Mauer falsch errichtet, und nachmittags fanden wir die mutwilligen Zerstörungen an einem Fenster-Rahmen durch das Haumessser des entlassenen Bauleiters.

Wenn das alles wäre, könnte man in Depressionen versinken. Aber in der Dämmerung wurde dann vor der überwältigenden Kulisse der Berglandschaft, die einem chinesischen Tusch-Gemälde gleicht, ein sogenanntes „roster“ in eine Wand eingebaut: Ein ~40×40 großes, glasiertes Tongitter mit floralem Motiv. Davor errichte ich gerade unseren Wasserfall aus schweren Felsblöcken. Das werdende Haus gleicht in seiner Gesamtanlage einem japanischen Wasser-Schlößchen mit chinesischen, arabischen, malayischen und modernen Elementen, die zusammen etwas so Schönes ergeben werden, daß ich mir oft sage: zu schön um zu gelingen.
Dann ist da noch das monatliche Theater mit der Immigrations-Behörde und das ständige Gefühl, auf dem Drahtseil zu sitzen. Kurz: Es ist ein tägliches emotionales Wechselbad, das zusammen mit dem Klima, den nächtlichen Straßen-Gangs, dem Lärm, dem Gestank und Dreck kaum zu ertragen ist, aber ertragen werden muß, weil ich alles auf diese Karte gesetzt habe. Daß ich unser tägliches Wasser mühsam aus einem Zieh-Brunnen schöpfen muß, ist da noch das kleinste Übel (eher als Frühsport anzusehen). Aber die wie immer schweigende Mehrheit der Leute hier ist sehr wohlwollend (Heute berührte mich ein moslemischer „Küster“ am Arm und sprach mir Mut zu.), weil sie merken, daß wir ihnen helfen (z.B. medizinisch, Arbeitsplätze schaffen, Stromleitungen und Straßen anlegen) und nichts Böses im Sinn haben. (Der „Küster“ betrog uns später mit gepanschtem Reis, um seine Spiel-Schulden loszuwerden.)
So und noch viel komplizierter ist das hier, liebe Frau Brambach. Man braucht als Ausgewanderter und „Neger“ in der Fremde sehr viel Kraft und vergißt zu leicht, daß man auch in D Schwierigkeiten haben kann.

Ich wünschte, meine Mutter hätte Ihren Optimismus und Ihre kulturelle Aufgeschlossenheit!

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