Elektrifizierte Heiligenscheine

Max-Ernst

6.12.2001
Liebe Mutter,
es weihnachtet sehr. Unser Dorf befindet sich seit Ende November im kollektiven religiösen Wahn. Benzin gibt es kaum noch, da ein Tanker wegen des starken Windes in den letzten Tagen zu spät im Hafen Bitung angekommen ist. Anscheinend sind die Vorräte sehr knapp, und wenn es Engpässe gibt, fangen die Leute gleich mit Hamstern an, was die Lage dann noch weiter verschärft. Dafür können wir jetzt täglich die typisch indonesischen Weihnachts-Lieder „I’m dreaming of a white Christmas“ und „Blue Christmas“ aus dem Sehrlautsprecher hören. Die morgenlichen Predigten der protestantischen Terroristen sind jetzt wieder länger, so daß ich, wenn wir zum Gebet aufgefordert werden, mich genötigt sehe, folgendermaßen zu beten: „Lieber Gott, laß diese Predigt bald zuende sein! Oder wenigstens den Blitz in die Lautsprecher-Anlage einschlagen!“ Doch hört er nicht auf mich.
Die Katholiken sind wesentlich stiller. Aber ab und zu müssen sie auch zeigen, daß sie aktiv sind. Dann veranstalten sie nächtliche Bet-Marathons. In endlosen Schlangen, mit Fackeln bewaffnet marschieren sie laut betend durch die Dörfer. Die fußkranken, fetten Nonnen werden gefahren. Doch soll niemand behaupten, die Katholiken seien nicht so elektrifiziert wie die Protestanten. In den Umzügen marschieren auch etliche Marien in wallenden Gewändern, und die hatten neulich elektrische Heiligenscheine, die nicht nur sehr hübsch in der Dunkelheit leuchteten, sondern auch rotierend blinkten! Das war noch nicht alles: In den Händen hielten sie elektrische, rotierend-leuchtende Rosenkränze, ebenfalls aus Lauflicht-Ketten! An welchem Körperteil der jeweiligen Maria Batterie und Trafo hingen, konnte ich wegen der übergestülpten Bettlaken leider nicht feststellen. Zur Abwechslung geht hier einer von verhältnismäßig vielen Verrückten auch ganz nackt durchs Dorf und versteht dabei überhaupt nicht die Erregung, die er verursacht.
Um sich vor dem allgegenwärtig Bösem zu schützen, besuchen die gesetzteren Damen, meist im Tonnen-Format, eine Pastorin in Manado, die ihnen geweihtes Bratöl zu stark überhöhten Preisen verkauft. Damit schmieren sich die Damen dann ein, was die Laken versaut und starken Ameisen-Befall hervorruft. Manchmal krabbeln sie einer Exorzierenden auch ins Ohr (Mich hat neulich eine große, schwarze Ameise in den Penis gebissen. Aua, aua! Obwohl ich ihn gar nicht mit Bratöl eingeschmiert hatte – aber das nur nebenbei.). Oder sie spritzen das Öl z.B. in Richtung böse Tochter und rufen dabei: „Geh fort, iblis!“ Und die Tochter ruft dann: „Geh zurück, iblis!“ Die Tochter ist eine verwandte, nachbarliche Pädagogin und nimmt ihre verrückte Mutter nicht ernst. Doch kam es neulich zum Eklat: Erst klirrten Scheiben und Teller, dann stand die Pädagogin – nachdem sie neulich schon eine Demo veranstaltet hatte, indem sie ihren Hausrat und sich selbst auf die Straße gesetzt hatte – in der einen Hand 1 Küchen-Messer, in der anderen noch eins und 2 Steine, mit denen sie abwechselnd auf sich oder ihren Vater zielte (auch Pädagoge), der mit 1 Bullen-Peitsche nach ihr schlug. Und wer stand in der Mitte, mal von Messern und Steinen, mal von der Peitsche bedroht? ICH natürlich und versuchte zu schlichten. Es war fast wie bei einer Fach-Konferenz.
Ja, die Pädagogen haben es hier nicht einfach. Seit 6 Monaten haben sie keine Bezahlung bekommen, so daß der Regierungs-Präsident sie aus seiner persönlichen Chatulle entlohnt. Eine Studentin, die fließend Deutsch spricht, bekommt an der PH Manado weniger als 1DM/Std. für Deutsch-Unterricht. Da lohnt es sich für mich nicht, hier zu unterrichten, aber ich werde es vielleicht müssen, weil es anscheinend die einzige Möglichkeit ist, eine richtige Aufenthalts-Erlaubnis zu bekommen.

Und dann sind auch noch die Hühner beleidigt, wenn man ihnen die Eier wegnimmt. Ist schon ein schwieriges Land. Überhaupt benehmen sich jene manchmal schlecht. Der Hahn haut Aaltje regelmäßig mit seinen Sporen ins Schienbein, weil er ihre Turnschuhe nicht mag. Sie hacken nach den Zähnen, wenn man sie zu lange anlächelt, oder springen auf den Strohut, so daß einem kurzfristig die Sicht abhanden kommt.
Aaltje behandelt nicht nur die Dörfler (Wir könnten hier schon eine Praxis aufmachen.), sondern es gibt auch Medikamente gegen Hühner-Krankheiten. Eine von Java stammende verwandte Nachbarin ist jedoch so schlau, daß sie Aaltjes Beratung nicht braucht. Sie kauft selbst auf dem Markt Medikamente ein und schluckt ziemlich wahllos, was sie für richtig hält. Neulich hat sie aus Versehen 1 Hühner-Medikament geschluckt. Jetzt warten wir darauf, daß sie mit Eierlegen anfängt. Viel gackern tut sie sowieso schon.

Kürzlich habe ich wieder 1 Gecko getoastet. Lag wohl schon etwas länger im Toaster, aber geschmacklich war nichts zu merken. Und wenn dann noch eine schwarze Schlange den Hof hinter der „Küche“ kreuzt, ist das schon fast Routine. Oh, unsere „Küche“! Wenn Du unsere Kochstelle mit 2 blechernen Kerosin-Kochern sähest, würdest Du Schrei-Krämpfe bekommen. Abgesehen davon, daß das Wasser nur fließt, wenn ich es aus dem Brunnen schöpfe.
Aber wenigstens haben wir Balken aus herrlichem Holz bekommen. Vielleicht wird auf diese Weise noch ein Dach über unserer Wasserschloß-Ruine möglich.

In Zentral-Sulawesi haben moslemische Terroristen 5 Christen-Dörfer angezündet, und von den indonesischen Söldnern in Afghanistan wirst Du ja vielleicht schon gehört haben. Die sind nun erstmal verschollen. Überhaupt ist der indonesische Untergrung tief in den internationalen Terrorismus verwickelt. Aber in Nord-Sulawesi müssen sich nur die Moslems Sorgen um ihre Sicherheit machen. Z.Z. eine der wenigen friedlichen Gegenden Indonesiens (Die Bomben folgten später.). Der Tourismus und damit die ganze Ökonomie leiden sehr darunter. Da die Philippinen noch unsicherer sind, und wir von Davao die Nase voll haben, werden wir uns zum Jahreswechsel in Singapore ein neues Visum besorgen. Das wird interessant. Die Stadt ist sicher, sauber und hat ein riesiges kulturelles Angebot. Jedoch teuer! Mal wieder 1 richtiges Bett + Badezimmer im „Chinatown Hotel“. Jede Menge architektonisch inspirierende chinesische Tempel in der Umgebung.

Foto: Max Ernst, „Die Jungfrau Maria verhaut den Menschensohn vor 3 Zeugen“, 1926

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