Wucht in Singapore

Maus&Keramik

6.1.2002
Liebe Mutter,
…Hier gibt es kaum Schnee, nur Dauer-Regen und heftigen Wind, der durch die Ventilations-Öffnungen bläst, daß man im „Wohnzimmer“ das Gefühl hat, auf einem Bahnsteig zu stehen. Auf den vorgelagerten Inseln im Norden sind 64 Häuser im Schlamm versunken. Und dann werden in Zentral-Sulawesi, wo wir auf unserer Trans-Sulawesi-Tour durchgekommen sind, weiterhin Kirchen zerbombt. Wenn die Christen dort akustisch so aggressiv sind wie hier, wundert mich das nicht. Kein Vergleich mit den traditionellen Gesängen der Muslime aus der Moschee, die wir hier auch haben. Aus der Ferne geradezu eine meditative Wohltat. Die Christen dagegen lärmend, regel- und geschmacklos. Im gesamten Dezember erreichte dieser christliche Irrsinn seinen Höhepunkt. Zwischen Weihnachten und Neujahr wurde die Karaoke-Kirche schräg gegenüber von den jugendlichen Säufern „bewacht“, die auch sonst das Dorf nächtens terrorisieren. Die ganze Nacht Gegröhle, zersplitternde Flaschen, Schläfer auf den Kirchenstufen. Da waren wir froh, nach Singapore abfliegen zu müssen.

Singapore war eine Wucht. Die City fast völlig renoviert, aber auf eine sehr geschmackvolle, sensible Weise. Die alte Chinatown hat einen traditionellen, aber frischen Reiz wie der Schnoor in Bremen. Ungewöhnlicher Kontrast entsteht durch die Wolkenkratzer, die die Chinatown einkesseln, die aber auf ihre Weise auch faszinierend sind. Während man sich z.B. in einem von duftendem Rauch durchwehten, alten chinesischen Tempel mit komplexen Dachaufbauten aufhält, sieht man hinter seinen Dächern diese futuristischen Hochhäuser, die aber auch individuell gestaltet sind. Ähnliches fiel mir in Tokio auf. Alles auf engstem Raum und gut per pedes zu bewältigen (Die Waden schmerzen immer noch.). Überall fühlt man sich sicher, und die Stadt ist sauber, ohne steril zu wirken. Im „Chinatown Hotel“ war es so ruhig, daß wir den Jahreswechsel glatt verschlafen haben. Und die erste warme Dusche seit Anno 2000! Keine Kakerlaken, keine Ratten, keine Ameisen. Die frühere Vergnügungs-Meile Orchard-Road ist allerdings zu einer Super-Einkaufs-Meile geworden, in der man nur die Besucher austauschen müßte, dann wüßte man nicht mehr, ob man in New York oder sonstwo auf der Welt ist. Allerdings war Singapore auch sehr frustrierend. Wir konnten nämlich dort leider nicht all die schönen, meist nicht billigen Dinge kaufen und transportieren: wunderschöne Keramik, traditionelle Möbel, Buddha-Figuren, Seiden-Kleidung, eine mehrstöckige Mall voller Computer-Läden mit den neusten Geräten, und, und, und … Aber wir fahren im Juli zwangsweise wieder hin (für ein neues Visum). Gekauft haben wir eine geschnitzte Palast-Laterne, einen alten hölzernen Schrein für meinen japanischen Buddha, Tür-Beschläge aus Messing in Maskenform mit Griffringen im Maul, Tempel-Glocken für die Ecken unserer noch zu bauenden Dächer, chinesische Kleider für Aaltje, eine neue PC-Maus mit optischer Steuerung und Software für meinen PC. Dann waren die Koffer voll. Eine neue Nagelfeile haben wir auch noch erstanden, denn unsere wurde aus dem Bord-Gepäck konfisziert, weil wir damit das Flugzeug entführen und in einen der Wolkenkratzer hätten steuern können. Zuhause stellte ich dann fest, daß ich noch eine geerbt hatte. Jetzt besitzen wir 3. Die Sicherheits-Kontrollen sind deutlich verschärft worden und die Flugzeuge deutlich leerer.
Frustrierend war es auch, mit Chinesen englisch zu kommunizieren (In diesem Moment geht gerade der Sehrlautsprecher der Kirche los. Es hört sich an, als ob jemand einen Staubsauger ans Mikrofon hält. Vielleicht ist Regenwasser im Gerät. Hoffentlich!). Sie sprechen, als ob sie ein Eßstäbchen quer im Mund haben. „Gotobapa!“ bedeutet „Go to bird-park!“. Die Inder dagegen haben meist ein Geschwür an der Zunge oder sind betrunken. So hört es sich jedenfalls an. Außerdem schmeißen sie Kokosnüsse in ihren überbunten Tempeln kaputt, was einen ziemlichen Dreck ergibt. Aber „Little India“, das dort beginnt, wo Singapore aufhört sauber zu sein, haben wir nicht mehr geschafft. Da bleibt noch einiges zu besichtigen.

Zurück kurz oberhalb des Äquators wurde uns wieder kraß deutlich, unter was für Schrumpf-Köpfen wir hier leben. Richtige Insel-Bewohner. Weiter Horizont, aber im Hirn nur christliche Soße. Wenn man unserem Nachtwächter auf dem Bauplatz eine neue Taschenlampe gibt, sieht die nach wenigen Tagen aus, als ob er sie durchgekaut hätte und funktioniert nicht mehr. Während unserer Abwesenheit haben sich 52 Wilde mit gepanschtem Alkohol totgesoffen. Weiter so!
Unser gerade entlassener christlicher Bauleiter (der 4.) konnte nicht mal ein Walmdach hinkriegen. Jetzt haben wir einen Moslem eingestellt, der gleich auf Anhieb besseres leistete. Ich lasse ihn erstmal an der Garage Dachbau üben, bevor wieder größerer Schaden entsteht. Es ist eine elende Quälerei mit diesem Bau. Ich fürchte, das neue Jahr wird so blöd wie das alte.

http://minahasato.wordpress.com/2008/06/05/singapore/
http://minahasato.wordpress.com/2009/01/03/existenzberechtigung/

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