Schädel mit Inhalt

Schaedel-mit-Nase

Totenschädel tauchen in vielen Werken der Bildenden Kunst auf. Es war auch das Thema meiner ersten Computer-Grafik – damals noch mit Paint in W98. Pioniererlebnisse! Leider besitze ich keinen mehr – außer meinem eigenen. Sie sind ungemein praktisch, besonders als Buchstützen. Wenn sie z.B. das gebundene, zweibändige Brockhaus-Lexikon in der Leipziger Ausgabe von 1908 vor dem Umfallen bewahren, entsteht ein Nebeneffekt, dessen Syntax über sich selbst hinaus auf einen bedeutenden semantischen Zusammenhang weist, dem ich ein ganzes Buch widmen könnte – wenn ich wüßte wie. Aber wenigstens einen Essay.
Damals als mich diese Brockhaus-Vertreterin anrief, um mir einen neuen zu verkaufen, antwortete ich ihr, ich hätte schon einen. Von wann der denn sei, fragte sie listig. Von 1908, erklärte ich, was sie merkwürdigerweise komisch fand. Ich mußte ihr erst erläutern, daß in dem Sachen drinstehen, die in einem modernen gar nicht mehr zu finden sind, nicht mal die lateinische Bezeichnung cranium für Schädel, oder Kraniologie oder -metrie (Frauen etwa 100g weniger Schädelgewicht!), nichts über Dolichokephalie. Was soll man machen, wenn man auf einen Dolicho- oder Brachykephalen trifft (eher auf einen Mikro- oder Zerokephalen)? Dafür Ludwig Erhard, Erfinder der Pinscher, mit Abbildung seines Dickschädels. Und die alten Stiche sehen auch besser aus, als diese kreischbunten Fotos. Nachteilig wäre nur, daß die Bände so groß und schwer sind und leicht umfallen. Aber dafür hätte ich ja den Totenschädel, der aber aus Gips sei. Da hat sie’s aufgegeben. Iss nich leicht, mir was zu verkaufen.
Mit Totenschädeln kann man auch gut übersensible Frauen erschrecken, die sowas ganich mögen, weil sie oft etwas doof sind und ihnen nicht bewußt ist, daß sie unter ihrer Schminke auch nicht wesentlich anders aussehen. Beim Anblick eines solchen Schädels suchen sie meist Schutz bei einem starken Mann, was sehr vorteilhaft einen dynamischen Prozeß in Gang setzen kann, falls man sich noch nicht so lange kennt.
Den Gips-Schädel hab ich beim Abriß eines Fachwerk-Backhauses im Teufelsmoor bei Bremen gefunden. Welche Funktion er an jenem Ort innegehabt hatte, blieb ein Rätsel. Besonders gut wirkte er mit einer roten Gummi-Nase. Bei meiner Auswanderung verblieb er im Backhaus, aus dem ich mir mein Atelier gebaut hatte, weil ich den Platz in den Kisten für Bücher und Werkzeuge benötigte. Ich hatte gehofft, hier würden noch einige aus der Zeit der Menschenfresserei rumliegen, aber die Wilden sind in dieser Hinsicht sehr eigen. Und die, die ich in den Bestattungshöhlen der Toraja in Zentral-Sulawesi fand, waren schon für Touristen arangiert. Den echten, den ich bei einem meiner umständehalber gelegentlichen Einsätze als Totengräber ausschaufelte, durfte ich leider nicht behalten.

Holbeins-Gesandte

Als Vanitas-Symbol gehören Totenschädel einfach in das Studierzimmer des Gelehrten, ebenso wie in die Klause des autistischen Eremiten und in die Gute Stube hypochondrischer Omas. Aber ich fürchte, jetzt sinnt so mancher darüber, ob es mir noch gutgehe, wie denn meine Krebswerte seien, oder ob ich bloß Schnupfen hätte. Die verstehn einfach nich die Essenz der Sache! Eigentlich müßte man seine Suppe aus Schädel-Schalen seiner Vorfahren löffeln. Woraus denn sonst? Porzellan mit Goldrand? Macht euch man weiter was vor! Ihr werdet schon sehen, wie das iss, wenn ihr erst tot seid. Aber richtig drollig war die Nachricht, Wissenschaftler hätten die Anamorphose im Gemälde „Die Gesandten“ von Hans Holbein mit Hilfe eines Computers entzerrt und herausgefunden, es handele sich – na, um was wohl? Genau! Um einen Totenschädel – was schon ein paar Jahrhunderte bekannt ist. Dazu brauch man sich nur neben das Bild zu stellen und scharf an der Wand entlang zu kucken. Der Holbein Kot. Bleibt noch die Frage offen: Welche Funktion hat die Anamorphose eigentlich in dem Bild? 

Holbein-Anamorphose 

Eigenartigerweise konnte man wirklich 40min mit einer 10.Klasse über das Bild reden, ohne daß jemand fragte: „Herr Studienrätsel, was iss das eigentlich für ein Dingsbums da unten?“ Aber dann ging es los mit mindestens 2 grundsätzlichen Reaktionen auf interpretierbare optische Informationen:

1. Man behandelt das Bild wie einen Rorschachtest und vergewaltigt es mit Hilfe der eigenen Phantasie und freier Assoziation unbekümmert so lange, bis Holbein im Grabe mit den Zähnen knirscht. Oft wird dabei nicht mal der Titel des Werks beachtet. Das Ergebnis sagt dann meist mehr über den Interpretierenden als über das Werk aus.

2. Man macht sich auf die Suche nach Fakten zum Entstehungszusammenhang und geht davon aus, daß Kunstverständnis und -gebrauch 1533 anders waren als heute. In diesem Fall kenne ich 2 unterschiedliche Interpretationen: Die eine besagt, daß abgesehen vom eindeutigen Vanitas-Symbol, die Verzerrung die Sorge des Bischofs (rechts) über den Zustand Europas ausdrückt, das durch die Reformation aus den Fugen geraten ist. Dafür spricht, daß es sich um Auftragsmalerei handelt.
Die andere, die „modernere“, sieht in der an sich überflüssigen Anamorphose ein Beispiel der Virtuosität des Künstlers. Obwohl nicht nur das Leben, sondern auch die Wirkung der im Regal versammelten Werkzeuge der Kultur, durch den Schädel in Frage gestellt werden (Die Laute hat eine gerissene Saite = Eitelkeit.), überwindet Holbein mit einem Produkt seines Geistes die Vergänglichkeit und macht zwar nicht sich selbst, aber sein Bild dadurch fast unvergänglich. Die Beschäftigung mit Wissenschaft und Kunst ist nicht nur eitel und vergänglich, sondern man gelangt auch zu tieferen Einsichten hinter dem schönen Schein.

Und – das ist die übergreifende Lehre: Man sollte etwas wissen, bevor man Kunst- und sonstige Urteile abgibt.

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