Das grüne Haus

Hildesheim

Steigen wir doch einfach mal in diese Zeitmaschine, die dort gleich hinter dem Birkenwäldchen von rotierenden Blättern knapp über dem sumpfigen Torf der Westheide gehalten wird, und laß uns gen Süden fliegen, über Hannover hinaus bis in die Harz Vorberge. Da kommt Hildesheim in Sicht. Du erkennst es schon am spitzen Turm der Andreas-Kirche. Unter dir die Innerste mit ihrem breiten Überflutungsbett, das im Frühjahr die Wassermenge der Harzer Schnee-Schmelze aufnehmen muß. Parallel dazu die Alfelder Straße mit ihrer inzwischen abgeholzten Robinien-Allee. Von da biegen wir in die Hachmeister Straße – sofern die Rotor-Blätter das noch zulassen und nicht an einer der großen Pappeln hängenbleiben. Dort ist gerade frühmorgens die Schützen-Kapelle angetreten, um den Schützen-König mit lautem Tschingderassa-bumm abzuholen – und alle Bewohner fallen aus den Betten.

gruenes-Haus-1955

An der Ecke, wo die Hachmeister die Götting Straße kreuzt, befindet sich das grüne Haus mit der Nummer 21, wenn es nicht inzwischen modisch frisiert erscheint. Ein zwischen den Kriegen ohne besondere ästhetische Ambitionen gebautes Mietshaus. Das Walmdach durchbrochen von Mansarden-Fenstern. Den Bomben-Nächten folgte die Wohnungsnot der Nachkriegs-Situation, und so wurden die Mansarden zu Wohnungen ausgebaut. Einfache Gesimse gliedern die langweilig symmetrische Fassade. 2 Stockwerke mit je 1 Wohnung rechts und links, das verglaste Treppenhaus in der Mitte. Das Erdgeschoß befindet sich 1 Treppe hoch, die Kellerfenster liegen knapp über dem Bürgersteig, der sich vor dem Eingang zur Tür hinbiegt und mit dieser Bucht die Straßen-Kreuzung zu einem kleinen Platz erweitert. Über einem der Keller-Fenster befindet sich noch der weiße Hinweis auf Luftschutz-Zuflucht. Vor dem Haus also reichlich Platz für kleine Jungs zum Toben. Jetzt parken dort Autos, eins hinter dem anderen.

wohlerzogenes-Kind

Unter dem zinkverkleideten Vordach über der Eingangs-Tür stehe ich und halte dieselbe auf wie ein Portier, wenn jemand kommt. So hat es mir meine Mutter beigebracht. Kommen anerkannte „Feinde“, wie Frau Margarete Bock, laß ich die automatisch schließende Tür zufallen. Links neben mir der hölzerne Garten-Zaun zwischen gemauerten Pfeilern, der nicht mehr mit Stacheldraht bewehrt ist, seit ich mir daran beim Überklettern den Oberschenkel aufgerissen habe. Jede Partei hat ihren kleinen Handtuch-Garten, der zusammen mit denen der anderen Häuser eine im Jahresablauf abwechslungsreiche grüne Lunge bildet – heute ersetzt durch Parkplätze und Garagen. Auch die Sicht zum waldreichen Berghölzchen mit dem Turm der Mauritius-Kirche ist durch Neubauten verstellt. Einst blühende Dahlien-Felder einer Gärtnerei wurden durch 50er-Jahre-Bauten ersetzt, die noch öder vor sich hindösen als das grüne Haus. Doch laß uns hineinsehen in das Gebäude, herausfinden, was sich dort abgespielt hat im immerwährenden menschlichen Drama.

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2 Gedanken zu „Das grüne Haus

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