Die Angst

im-Kohlenkeller

Die Kellertür öffnen wir lieber gar nicht. Denn sollte gerade wieder der im Frühjahr schmelzende Harz-Schnee seine Fluten durch die Stadt schicken, die sich heute nicht mehr nur auf einem sicheren Hügel befindet, so steigt das Wasser auch in die Keller. Dann kommen einem die Ratten aus der Kanalisation auf der nach unten führenden Keller-Treppe entgegengelaufen. Alarm im Haus! Alle verfügbaren Männer schlagen die Ratten mit Besen und Schaufeln tot, so daß Blut, Eingeweide und Wasser herumspritzen. Ich haue eine zwischen Kellerboden und Holztür. Beim Öffnen der Tür reißt sie auseinander. In den Keller-Räumen befinden sich Kartoffel- und Kohlevorräte für den Winter. In Regalen stehen eingemachte Stachel-Beeren und Pflaumen aus dem Garten und warten darauf, daß ich sie ebenso wie Kartoffeln und Kohlen nach und nach in das 2. Stockwerk transportiere, wo meine Eltern wohnen. Dabei pfeife ich im Halbdunkel der Keller-Räume, denn ich habe Angst vor etwas Unsichtbarem, was dort eventuell lauern könnte. Auch wenn ich mir sage, da könne nichts sein, läuft mir doch ein Schauer über den Rücken. Später werde ich unter der Treppe ein geheimnisvolles Stechpaddel aus bestem Tropenholz finden, das niemand beansprucht. Ein Zeichen, von dessen Bedeutung ich noch nichts ahne.

Die Sucht
Ich kenne sie alle, die Bewohner des grünen Hauses, denn ich klingele an jeder Wohnungstür um das Geld für Wasser, Abwasser und Strom einzusammeln. Meine Eltern erledigen die Abrechnung für die Stadtwerke. Doch schon wenn ich von der Schule heimkomme, steht da diese kleine, heruntergekommene Frau im Schlafrock auf der Plattform der Hochparterre vor ihrer offenen Wohnungstür und brabbelt Unverständliches. Ich solle doch hereinkommen und ihr helfen. Sie ist tablettensüchtig, weil ihr Mann fremdgeht, der einen Kurzwaren-Modeladen führt und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist.

Der Tod
Auf der gleichen Etage wohnt rechts ein großer, steif wirkender, aber zu mir immer freundlicher Mann, der früher Kunstlehrer war. Jeden Nachmittag zur gleichen Zeit setzt er sich an sein Klavier, und dann klingen die immer gleichen Klavier-Stücke durch’s Haus. Einmal im Jahr fährt er in die berühmte Künstler-Kolonie „Monte Verità“ bei Ascona, von wo er Landschafts-Aquarelle mitbringt, die er mir zeigt. Ich finde sie zu traditionell und langweilig. Er scheint damit auch keinen öffentlichen Erfolg zu haben. Später zeige ich ihm meine Bewerbungs-Mappe für die Kunsthochschule in Braunschweig, weiß aber nicht mehr, was er dazu gesagt hat. Und dann hängt sich seine Frau auf. Ich glaube nicht, daß es wegen des Klavierspiels war. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie da irgendwo in der Wohnung hängt, deren Grundriß mit der unsrigen dadrüber identisch ist. Die große Birke, die vor seinem und meinem Fenster steht, möchte er lieber gefällt sehen, weil sie ihm zu viel Licht nimmt. Auch wird er böse, wenn wir Kinder im Vorgarten rumtoben.

Mutter&Birke

Illustration: Irene Diederichs-von Bergner

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