Die Sauberkeit

Kartoffeln

Wir betreten nun den Kriegs-Schauplatz in der 1. Etage. Zwar ist der große Krieg schon verloren, aber die Abrechnung geht im kleinen in den 50ern weiter. Ob eine Jüdin in der Verwandtschaft oder ein allgemein psychischer Schaden jene kinderlose, 1897 in Leipzig geborene Margarete Bock dazu brachte, sich mit jedem anzulegen und das ganze Haus zu terrorisieren, bleibt offen. Ihr Mann Karl jedenfalls, ein Studienrat, ist verzweifelt über das Verhalten seiner Frau, und es heiß, er würde während der Schneeschmelze am breiten Überlaufbett der Innerste entlangirren, oder man hätte ihn dort auf verschiedenen Bänken gesehen. Vielleicht geht er aber auch einfach nur sinnend spazieren, wie das Studienräte gelegentlich tun, um sich die jährlich wiederkehrende Überschwemmung anzusehen.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Frau Margarete Bock, die sich für eine Dame hielt, tatsächlich in ihrem Aussehen jenem Tier glich, mit dem man sie gelegentlich in Verbindung brachte – nicht nur wegen ihres Charakters, den man jenem Tier fälschlicherweise zuschreibt, sonder auch wegen ihrer Leibesfülle im Verhältnis zur geringen Größe. Deshalb konnte es auch vorkommen, daß sie im Treppenhaus leicht an jemanden stieß, da sie im Vorbeigehen nicht genügend Platz gab. Derartige Zusammenstöße der harmlosen Art führten dann schon zu sehr erregten Äußerungen ihrerseits. Schließlich war sie eine geborene König. Besonders arg trieb sie es jedoch mit jener alten Frau Emmich, die mit ihrer Tochter in der Hochparterre links wohnte, und die aufgrund der Bockschen Intrigen so fertig gewesen sein soll, daß sie sich aufhängte. Die Hochparterre war also irgendwie verhext, denn später hing rechts die Frau des klavierspielenden Kunstlehrers.
Noch heftiger allerdings der Krieg gegen ihre Nachbarin in der 1. Etage, eine Frau Magda Ida von und zur Mühlen, die dort mit ihrer Tochter Rita wohnte. Jene Tochter wurde von der Bock in einem Brief an die Mutter auf unerhörte Weise verleumdet: Rita sollte doch tatsächlich als Verlobte mit ihrem späteren Mann schon vor der Ehe intimen Verkehr gehabt haben! 1945-53 wohnte Rita mit ihrem Mann, einem Staatsanwalt von Hagens, und mit ihrem Kind in der Wohnung der Mutter. Hier war es, wo die Bock eines Tages dem von Hagens, der natürlich in der NSDAP gewesen war, beim Gang in den Kohlenkeller von der Treppe des Hausflurs aus nachrief: „Sie mit ihrer schwarzen Weste!“

Illustration: Irene Diederichs-von Bergner

Advertisements

2 Gedanken zu „Die Sauberkeit

  1. Die Bilder stammen aus meinem 1. Schulbuch „KOMM MIT DU FROHE KINDERSCHAR“, Westermann, Braunschweig 1953.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s