Die Waffe

Balkon-1956

Doch setzte Frau von und zur Mühlen letztendlich eine Waffe gegen die Bock ein, mit der jene nicht nur nicht fertig wurde sondern schließlich so fürchtete, daß sie bei der Rückkehr vom Einkaufen unten an der Hauseingangs-Tür ihren Mann herunterklingelte, damit Karl ihr Begleitschutz bis in die Wohnung geben konnte. Diese Waffe war die Haushalts-Gehilfin Woitaschik, ein dickes, derbes Weib, das sich nichts gefallen ließ, und dies nicht nur in einer äußerst schlichten Form verbal sondern auch handgreiflich auszudrücken pflegte. Die Woitaschik fand nun – auch zuständig für die Reinigung des diesbezüglichen Treppenhaus-Abschnitts – immer wieder Schmutz vor der Wohnungstür ihrer Arbeitgeberin, auch wenn sie gerade saubergemacht hatte und soll sich derartig geäußert haben:
„Diese Schweine, diese Saubande, haben sie wieder uns den Dreck rübergeschmissen.“
Sie fegte dann – wie Rita – den Dreck wieder vor die Tür der Bock. Dies mochte eine Weile so weitergehen, mußte aber, da beide Parteien hinter ihren Wohnungs-Türen lauerten, schließlich zu handfester Konfrontation führen, nachdem man den jeweiligen Gegner bei diesem Akt der Verunreinigung erwischt hatte. Im Verlauf solch einer eskalierenden Auseinandersetzung teilte die Bock der von und zur Mühlen folgendes über die Woitaschik mit:
„Gnädige Frau, Sie wissen gar nicht, wen Sie im Hause haben. Diese Frau betrügt Sie und hat die ganze Nacht Kavaliere bei sich.“
Wir können uns leicht vorstellen, wie die Woitaschik reagierte und mit welchen Ausdrücken. Doch muß es besonders eindrucksvoll gewesen sein, als jene sich endlich umdrehte, ihre Röcke hob und der Bock ihr gewaltiges Gesäß zeigte. Anschließend fand man Irmchens Fahrrad im Keller kotbeschmiert vor. Natürlich wußte die Woitaschik („Ich scheiß der noch vor die Tür!“) von nichts was. So folgten im Jahre 1955 zwei Privat-Klagen, zuerst Bock gegen Woitaschik und dann die Gegenklage Woitaschik-Bock. Im März 1956 trug die 57jährige Frau Woitaschik dem Amtsrichter dieses vor: Die Bock habe sie u.a. aufgefordert, ihrer Arbeitgeberin, mit der die Bock früher befreundet, jedoch seit einigen Jahren verfeindet sei, Schlaf-Tabletten ins Essen zu geben, was die Woitaschik so verstanden habe, daß die von und zur Mühlen auf diese Weise umgebracht werden sollte. Gegenüber jener habe die Bock erwähnt, daß sie – die Woitaschik – die an ihre Dienstherrin gerichteten Briefe und von ihr abgesandten Pakete zu öffnen pflege. Auch spiegele die Woitaschik ihrer Arbeitgeberin vor, in die Kirche zu gehen, während sie in Wirklichkeit ganz woanders war. Ferner sei der 80jährige Herr Graul Liebhaber der Woitaschik und gelegentlich auch die Nacht über in der Wohnung der von und zur Mühlen verblieben und habe spät abends in Unterhosen auf dem Sofa gelegen.
Wie mag der Amtsrichter in dieser Sache gelitten haben, bis er sich letztendlich für einen beide Seiten unbefriedigenden Vergleich entschied. Und so hatte die Bock auch diesmal noch nicht ihren Bezwinger gefunden. Jener trat erst in der Inkarnation meines Vater auf.

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