Die Verleumdung

gegenueber

Im Haus gegenüber – nicht genau in der Höhe unserer Etage, denn da wohnt eine Wahnsinnige, die den ganzen Tag mit ihrem Feldstecher in die Fenster spioniert, und die gelegentlich in die örtliche Irrenanstalt zur Ruhigstellung verbracht werden muß – sondern eine Etage unter ihr lebt die 73jährige Witwe Ella Heinrich, geb. Zacharias. Ich trage der freundlichen, gebeugten alten Dame die Kohlen-Schütter aus dem Keller in die Wohnung und bekomme dafür gelegentlich alte Bücher von ihr geschenkt, aus denen sie säuberlich die Frontblätter mit Widmungen herausgerissen hat. Ein besonders schönes besitze ich immer noch: Eichendorff, „Aus dem Leben eines Taugenichts“, Leipzig, 1921, Batik-Einband (!) mit Leder-Rücken und zuberhaften Scherenschnitten von Alfred Thon.

Taugenichts

Frau Heinrich läßt sich in ihrer Wohnung regelmäßig von der 1905 geborenen Masseuse Änne Gocke behandeln. Als dabei in einer Unterhaltung im März 1961 der Name Dobat erwähnt wird, fragt die Masseuse, ob das diese unangenehmen Leute seien, die da drüben über Bocks wohnten. Die Frau wäre ja im KZ tätig gewesen, und er hätte der SS angehört. Worauf Frau Heinrich mahnt:
„Vorsicht Fräulein Gocke, die Ermittlungen sind ja schon im Gange!“
„Das hätten sie ja schon längst tun können!“ erwidert die Gocke. Worauf Frau Heinrich entgegnet:
„Vorsicht, Fräulein Gocke! Ich kann mir schon die Quelle denken, aus der Sie das wissen.“
So erzählt die Heinrich es meinen Eltern. Mein Vater, zu jener Zeit Oberregierungsrat im Kultusministerium in Hannover, kann es sich nicht leisten, dieses Gerede in der Gegend herumschwirren zu lassen, und als Verwaltungs-Jurist weiß er, wie man sowas handhabt. Zuerst begibt er sich zur Wohnung der Masseuse und hält ihr die von ihr wiedergegebenen Behauptungen vor. Ferner will er wissen, woher sie das habe. Fräulein Gocke streitet jedoch alles ab und begibt sich stattdessen im April zusammen mit ihrer Schwester in die Wohnung der Heinrich, um diese äußerst bewegt zur Rede zu stellen. Dabei betont sie, daß sie ja schon seinerzeit gesagt habe, daß sie ihr Wissen von Frau Bock habe. Dies reicht meinem Vater für eine Privatklage meiner Mutter gegen die Masseuse wegen übler Nachrede, zu der das Ehepaar Bock als Zeugen vorgeladen wird. Die Masseuse wird in einem Vergleich zur Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt und nimmt die Verleumdungen mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Meine Mutter zieht daraufhin den Strafantrag zurück. Da nun die Quelle der Verleumdung aktenkundig ist, verklagt mein Vater die Bock wegen Beleidigung. In die Enge getrieben, engagiert diese als Verteidiger Star-Anwalt Augstein, den älteren Bruder des „Spiegel“-Herausgebers, der einen echten Nachkriegs-Skandal-Braten riecht.
Am Ende der Gerichts-Verhandlung im August 1962 muß die Angeklagte ihre Behauptungen öffentlich zurücknehmen, ihr Bedauern über die durch sie erfolgte Verbreitung zum Ausdruck bringen und wird ferner dazu verurteilt, neben den Kosten des Verfahrens, als Beweis ihres guten Willens 100DM an den Bund der Kriegsblinden in Bonn zu zahlen. Als dies überstanden ist, geht Anwalt Augstein zu meinem Vater, schüttelt ihm die Hand und erklärt von Kollege zu Kollege:
„Wenn ich das von vornherein gewußt hätte, hätte ich die Sache gar nicht übernommen.“
Danach verstummt die Bock und soll später eines jammervollen Todes gestorben sein.

Vater-Balkon-1961

Advertisements

Ein Gedanke zu „Die Verleumdung

  1. Pingback: SCHLUCHZ! | Flaschenpost

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s