Die Gemütlichkeit

Mansardenfenster-64

… Er saß auf seinem Pferd und betrachtete den Revolver. Dann zeigte er ihr eine Klapperschlange, die sich um die Wurzeln eines Sagebusches gerollt hatte.
„Kann ich sie treffen?“ fragte er.
„Du verfehlst sie nicht oft“, sagte sie – mit einem Versuch heiter zu wirken.
„Nun ja, man hat mir erzählt, das Heiraten schwächt die Nerven mancher Männer.“ Er zielte – und der Schlangenhals wurde durch einen Schuß zerschmettert. „Aber vielleicht ist es noch zu früh für die Nervenschwächung.“ Und er traf die Schlange mit drei weiteren, bedachtsam gezielten Kugeln. „Ich glaube, das genügt“, sagte er.
„Hat die erste nicht schon genügt?“
„O ja, für die Schlange schon.“
„… Aber wenn man, wie ich, neunundzwanzig jahre alt geworden ist und dabei so viel Glück gehabt hat, müßte man sich ja für einen Versager halten, wenn man sich keinen Feind geschaffen hätte.“
… Konnte er um ihretwillen dieses Gerede unbeantwortet lassen? Er hatte die Verdächtigungen ja nicht mit eigenen Ohren von ihm gehört.

Owen Wister (1860-1938), „The Virginian“ (1902)

Bleiben noch die 2 Mansarden-Wohnungen unter dem steilen Dach, die wir besichtigen wollen. Dort, wo alle Räume mindestens 1 schräge Wand besitzen, geht es auf der linken Seite sehr proletarisch zu. Zu dieser „Wohnung“ hat jede Haus-Partei einen Schlüssel, denn hier befindet sich auch der Aufgang zum Dachboden mit seinen Abstellplätzen unter dem unisolierten First. In 2 engen Räumen, sozusagen als Untermieter in diesem bürgerlichen Hause, wohnt ein ehemahliger Zirkus-Artist mit Frau, Sohn und Mutter. Es stinkt permanent nach Kohl, was mich aber nicht davon abhält, dort fernzusehen, denn meine Eltern haben noch kein Gerät. Eigenartigerweise läuft DDR-TV mit begehrten Puppen-Trickfilmen. Vielleicht nur, weil das DDR-Fernsehen absichtlich früher am Nachmittag anfängt (erst im April 1963 startet das ZDF). In der engen Wohnküche mit nur von einem Vorhang abgetrennten Schlafplatz fühle ich mich gar nicht unwohl. Es ist so eine ganz andere Welt im Vergleich zur eher steril-modernen Ästhetik unserer Wohnung. Nur die dunkel-verhärmte Oma, die manchmal im Türrahmen erscheint, wirkt etwas unheimlich. Im gleichen Raum werde ich später – nachdem die Proletarier eine richtige Wohnung gefunden haben – zur „Revolver“-Musik der Beatles großformatige, wilde Gemälde anfertigen und zwischendurch aus dem Mansarden-Fenster schaun.

Gemuetlichkeit

Auf der rechten Seite befindet sich eine genügend ausgebaute Wohnung. Alle dort Wohnenden sind dick und nett. An den Geschmack der Oblaten-Kekse, die die Großmutter buk, kann ich mich immer noch erinnern. Auch hier wird – gepflegt – ferngesehen, manchmal sind sogar meine Eltern dabei. Es ist die Zeit der ersten TV-Serien, denen wir Kinder mit Begeisterung wöchentlich folgen. Besonders die Western faszinieren mich. Bei den „Leuten von der Shiloh-Ranch“ ist es der Vormann, den ich am liebsten mag. Der Virginier, der ebenso wie der Film „High Noon“ vage auf dem Roman von Owen Wister basiert, ist ein einsamer Wolf unklarer Herkunft, der klappernde Klapperschlangen mit einem Schuß aus der Hüfte erledigt. Ein geheimnisvoll cooler Charakter.

So, bis auf die Wohnungen in der 2. Etage, wo ein pensionierter Studienrat neben uns wohnt, der „Sultan“ genannt wird, haben wir nun fast alles gesehen. Den „Sultan“ werden wir ein andermal besuchen. Jetzt schnalle ich mir erstmal das Holster mit dem Knallplätzchen-Colt um, binde es mit einer Schnur am Oberschenkel fest und stürme die Treppe hinunter, um mich auf der Straße vor dem grünen Haus einem Duell zu stellen.

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9 Gedanken zu „Die Gemütlichkeit

  1. Mein Gott, die Leute von der Shiloh-Ranch.
    Ich war damals in eine kleine Französin verknallt,
    Jahre später in eine kleine Italienerin,
    und dann habe ich neulich (2006) erfahren, daß beide ein und dieselbe Person waren, allerdings war sie weder Französin noch Italienerin, sondern Bulgarin.
    Seitdem glaube ich auch nicht mehr an die Echheit der Shiloh-Ranch.

  2. Ach du liebe Güte! Da hast Du ja was durchgemacht!
    So um 66 rum war ich auch in 1 ECHTE Französin verknallt: Eine Verwandte des berühmten Fliegers Blériot. Leider sie nich in mich, sonst hätte man ja mal ein bißchen rumfliegen können.

  3. LOL, man darf sich halt nicht in Gestalten aus dem Fernsehen vergucken.
    Sie sah aber auch wirklich jedesmal völlig anders aus, und heute sieht sie sich schon gar nicht ähnlich. 🙂

  4. Neiiiiiiiiiin, sie war doch Sängerin. Als Italienerin sah sie wie eine Indianerin aus, vom Rock’n Roll-Mädel optisch zum Blumenkind mutiert. Allerdings hat die blöde Kuh nicht mich (ich war ja viel zu klein, LOL) geheiratet, sondern Johnny Hallyday.

    Westerm: Pistols und Petticoats hatte aber wenigstens Petticoats.
    Und „Fluß ohne Wiederkehr“ wäre ja ohne Frau nun ein völlig sinnloser Film.

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