Schwer vermittelbar

Student-Hannover

Es ist an sich ein schöner Zug, wenn der Staat schwer Vermittelbare, die in der freien Wirtschaft kaum Arbeit finden können, in seinem Schoß aufnimmt. Das war jedoch nicht der Grund, warum ich als pickeliger Kunst-Student Ende der 60er in den Semester-Ferien im Finanzamt arbeitete, sondern ich wollte mir das Geld für ein Auto beschaffen. Mein Vater, der ein paar Blocks weiter im Finanz-Ministerium tätig war, hatte mir die Stelle in Hannover besorgt.
Ich war damals in gewisser Weise naiv. Ich glaubte, es müsse möglich sein, daß alle in Harmonie leben könnten, und meine Reaktion darauf, daß es nicht geschah, war zuerst immer das Erstaunen und dann der Protest. Auch reagierte ich wie einer vom Mars auf viele gesellschaftlichen Rituale, die ich zuerst überdenken und ändern wollte, oder die ich einfach ignorierte. In diesem Zustand geriet ich in eine Dienststelle, in der Grundsteuer berechnet wurde. Ein weiterer schöner Zug des Staates ist ja, daß er mit Recht glaubt, durch Förderung des Eigenheims den Bürger von der Revolution abhalten zu können. Leider hat sich diese Ansicht nicht in den Baugesetzen niedergeschlagen, deren Überregulierung einen vernünftigen Grund zur Auswanderung ergibt. Doch was die Grundsteuern betrifft, hat der Staat es dem Eigenheim-Besitzer leicht gemacht: Die Berechnung des Einheitswerts beruht auf einem Verfahren von Anno dunnemals, stellt also absichtlich nicht den aktuellen Wert der Grundstücke dar, um die Steuerzahler zu schonen. Dieser Wert wurde irgendwann etwas angehoben und verlangte eine Neubewertung aller Grundstücke. Meine Aufgabe bestand darin, anhand von Computer-Ausdrucken auf Endlos-Papier zu überprüfen, ob alle Steuerpflichtigen erfaßt waren und gegebenenfalls fehlende Bescheide anzufertigen und zu versenden.
Die braunen Aktendeckel hingen an Metallstangen in Schränken längs der Wände. Ihre Papp-Rücken waren mit kleinen, farbigen Textil-Klebestreifen markiert, die die Neigung hatten irgendwann abzufallen. Dadurch wurde die Akte visuell nicht mehr erfaßbar und der betreffende Grundstücks-Besitzer steuerfrei. Ich verglich nun den Bestand in den Schränken mit meiner Computer-Liste, berechnete die manchmal für mehrere Jahre ausstehenden Steuer-Zahlungen, verschickte die Bescheide, markierte die Akte neu und erlebte auch noch so manch empörten Widerspruch gegen meinen Bescheid, für den dann jedoch der, mit dicken Brillen-Gläsern ausgestattete Abteilungs-Leiter zuständig war. Jenen brachte seine Frau zur Arbeit und holte ihn auch wieder ab, weil er nämlich fast blind war. Gab man ihm eine Akte, so starrte er erst eine ganze Weile hinein – bis er merkte, daß er sie verkehrtrum hielt.
Mir gegenüber arbeiteten 2 Angestellte, d.h. sie arbeiteten meist nicht, und ich habe nie wieder ein ausgeklügelteres System an Arbeitsvermeidungs-Methoden kennengelernt. Für mich war das Quatschen mit diesen 2 Schrumpfköpfen langweilig, andererseits die Arbeits-Situation neu, interessant und zum Glück nicht mein Schicksal. Deshalb arbeitete ich um die Zeit rumzukriegen. So macht man sich unbeliebt. Der eine Angestellte redete wie ein Schwuler, bewegte sich wie ein Schwuler, war aber verheiratet. Der andere, ein bösartiger Alkoholiker, zwang mir Gespräche auf, um sich und mich von der Arbeit abzuhalten. Zufällig lebte er im gleichen Dorf wie meine Freundin, über die er anzügliche Bermerkungen von sich gab, jene wiederum informierte mich darüber, daß der Mann mit einer gewaltigen Kinderschar in einem Behelfsheim lebte.
Am Durchgang zum Raum des Blinden stand ein Kartei-Schrank, dessen Schubladen der Säufer absichtlich nach Gebrauch nicht wieder zurückschob, damit der Blinde dagegenlief. Dies geschah mindestens 2x am Tag, und die beiden Schrumpfköpfe freuten sich jedesmal. Schwierig wurde es, als ich Geburtstag hatte und keinen ausgeben wollte. Der Säufer brauchte mindestens 2L Bier pro Schicht und war bei Arbeitsende sichtlich angetrunken. Er reagierte auf meine Weigerung mit der Drohung, sich deswegen bei meinem Vater zu beschweren. Ich glaubte, daß selbst ein alkoholsüchtiger Finanzamts-Angestellter nicht so blöd sein könne, sich in einem unerlaubten Privat-Gespräch (auch das eine viel praktizierte Arbeitsvermeidungs-Methode) bei einem Ministerialrat des Finanz-Ministeriums über dessen Sohn zu beschweren, jener weigere sich, in der Dienststelle Bier zu verteilen. Doch habe ich auch später noch die Dummheit meiner Mitmenschen unterschätzt, und der Säufer rief meinen Vater tatsächlich an, der gleich merkte, das da wer faul war und den Mann höflich abwimmelte.
Der nächst höhere Beamte, der mehrere Abteilungen kontrollierte – innerhalb der Beamten-Hirarchie so unbedeutend wie ein Schul-Dezernent – flanierte von Raum zu Raum, pflegte Small-talk und spielte in für subalterne Beamte typischer Weise den großen Boß. Einmal stellte er sich neben mich, wie ich gerade eine Akte bearbeitete, strich mir über’s Haar und machte dabei eine Bemerkung der Art, wie niedlich doch heutzutage die jungen Männer wären – was die 2 Schrumpfköpfe auch sehr freute. Es war die Zeit, in der es sogar lebensgefährlich sein konnte, sich die Haare langwachsen zu lassen, und die Springer-Presse pflegte eifrig eine Art Progrom-Stimmung. Ich bedauerte es später, daß ich diesen Vorgesetzten nicht umgehend am öden Schlips gepackt habe, zumal ich meinen Lohn nicht unbedingt brauchte, aber ich war wie immer zu überrascht von der Perfidie meiner Mitmenschen, und es ging auch zu schnell vorbei, um heftig reagieren zu können. Dagegen schien eine andere bi-geschlechtliche Erscheinung – zu MEINEM Erstaunen – voll ins Finanzamt integriert zu sein: Ab und zu ging die Tür auf, und ein Wesen brachte Akten, das stämmig wie ein Mann wirkte, auch eine männliche Stimme besaß, jedoch im femininen Kostüm mit hochhackigen Schuhen auftrat. Eine Schwuchtel.

Ich hatte später als Steuerzahler noch mit einem Stotterer zu tun, was die Verhandlungen in die Länge zog, aber einen solch originellen Arbeitsplatz, der wie ein Abladeplatz für schwer Vermittelbare wirkte, habe ich selbst in Indonesien nie wieder gefunden. Danach prüfte ich meine eigenen Steuer-Bescheide immer besonders sorgfältig.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Schwer vermittelbar

  1. Pingback: Teure Hinrichtung | Memoiren eines Waldschrats

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s