Onkel Fritz

Onkel-Fritz

Verzweifelt versucht mein Vater im französischen Kriegsgefangenen-Lager Erguy wieder Kontakt zu seinen Angehörigen herzustellen, von denen er nicht weiß, ob sie die Flucht aus Ostpreußen überlebt haben. Dabei schreibt er u.a. an seinen Schwager Fritz Becker. Der Brief gelangt auf rätselhafte Weise an einen nicht direkt verwandten Fritz Becker in New York, der allerdings ostpreußischer Abstammung ist und zum Retter wird. Zuerst versorgt „Onkel Fritz“ meinen Vater mit Überlebensmitteln, später auch die Familie in der notvollen Nachkriegszeit.

An den Kriegsgefangenen: Hans Dobat
Gefangenennummer: 878445
Lager-Bezeichnung: Erguy, Côtes du Nord, France

New York, March 22nd 46
Dear Hans:
I received your letter from January 4th on March 18th 1946, and I am glad of it, that you are still on live. Did you hear some about my old mother and my two brothers Max and Otto Becker, which are left Eastpr. 1922? Otto was living in … Lauban and Max was farmer in Mittel-… Kreis Görlitz Schlesien. My two girl cousins Anna and Mary Normann born in Kalkappen by Tilsit Eastpr. are in New York too. M. is since 1914 in U.S.A. I see them seldom. I am the Fritz Becker, which is born in Pagelienen Insterburg Eastpr. Our old Becker’s family line comes from … by Insterburg. My father had some Cousins … the same name. Dear Hans, any way I try to find the other Fritz Becker from the second line and I am willing to help you also. Let me have a permit from your commandant or a good address, that I can bring the things at once on way.
Soon I am 56 years old.
Very many regards from your relation
Fritz Becker
12 East 95th Str
New York, U.S.A.

Antwort-F.B.

Du bist gefangen, hast immer Hunger, 1 postkartengroßes Stück Papier, 1 Bleistift-Stummel, kein Radiergummi, und du schreibst um dein Leben. Der Adressat lebt in New York, hat alles, schreibt mit Tinte und in schlechtem Englisch. Wie wichtig dieser Brief für meinen Vater war, zeigt schon, daß er ihn für den Rest seines Lebens aufbewahrte.

Lieber H.B.! Ich habe mich sehr gefreut von Ihnen zu hören u. danke Ihnen für Ihr liebenswürdiges Angebot mir zu helfen. Leider weiß ich nichts von Ihren Angehörigen. Ich habe jedoch Ihre Angaben an meine Schwester weitergegeben u. sie gebeten, in Suchzentralen nach Ihnen zu forschen. Mein Schwager Hans Becker u. Familie ist mit seinem Trecker von Ostpr. bis nach Dellstedt über Heide (Holstein) geflüchtet. Dort ist auch sein Vater Otto Becker (in Ihrem Alter) u. Frau. Er ist meines Wissens aus dem Kreise gebürtig, wo auch ein Bruder lebte. Jetzt war ihr Heimatort Matzkutschen im Kreise Stall., aus dem auch meine Frau stammt. Sein älterer Sohn ist der Fritz Becker, den ich suchte. Sicher sind sie verwandt u. vielleicht haben sie ihn schon kennen gelernt. Alle meine Verwandten waren große Bauern in jener Gegend, nun sind sie alle arm u. heimatlose Flüchtlinge. Ich selbst habe Jura studiert u. war bei Kriegsausbruch Regierungsreferendar. Der Krieg war grausam u. der Frieden ist schrecklich. Mai 1945 wurde ich in der Festung Lorient gefangen. Leider blieben wir nicht in amerik. Gefangenschaft. Von unserem Leben können Sie sich keine Vorstellung machen u. ich kann es Ihnen nicht schildern. Der einfache Soldat hat es viel besser, er muß arbeiten, wird aber satt. Wir verstehen nicht, warum man uns nicht heim schickt.

US-postage

Lieber Hans! Ich danke für Deine Karte v. 29.4. Cosmopolitan Confiserie habe ich aufgesucht. Dort fand ich eine deutsche Frau, die in dem Konfitürengeschäft Verkäuferin ist, und einen Bruder in franz. Gefangenschaft hat, vor. Ich brachte selber heute an Deine Adresse 11Pfd., mehr ist nicht erlaubt auf den Weg. Ein zweites lasse ich nach 4 Tagen folgen. Alles habe ich dafür schon besorgt. Der andere Fritz Becker (Motzkuhnen) wohnt: 65 Mayfair Avenue, Floral Park, Long Island N.Y., U.S.A. Deinen ersten Brief habe ich ihm eingesandt. Auch habe ich mit ihm und gestern mit ihr telefonisch gesprochen u. Deine Lage geschildert und auf Cosmopol. aufmerksam gemacht.
Viele herzliche Grüße von Deinem
Onkel Fritz

Fritz-kommt

1951 besucht „Onkel Fritz“ meine Eltern in meinem Geburtsort Uelzen, wo sie mit den Eltern meiner Mutter wohnen. Und so treffen sie sich zum ersten Mal, der Ex-Kriegsgefangene und der falsche Onkel – und ich bin auch schon da.

Fritz-Uelzen

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2 Gedanken zu „Onkel Fritz

  1. Pingback: Auswanderer | Memoiren eines Waldschrats

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