Armut

Familie-48-49

Die Wohnung ist gemietet. Kein Kühlschrank, Waschmaschine, TV, PC, Telefon, nur ein Radio ist vorhanden. Die Räume werden mit Öfen beheizt. Man badet mich in einer Zinkwanne in der Küche. Dort überschüttet mich meine Mutter versehentlich mit kochendem Wasser. Die Schulterhaut wird mir mit dem Schlafanzug abgezogen. Narben sieht man immer noch.
Mein Vater kämpft nun um berufliche Wiedereingliederung. Seine Ausbildung ist durch den Krieg unterbrochen worden, wichtige Zeugnisse verschwunden. Zuerst erreicht er die Zulassung als Rechtsanwalt am Amtsgericht Uelzen, dann gelingt es ihm, im höheren Verwaltungsdienst des Landes Niedersachsen unterzukommen, weshalb er schleunigst wieder der protestantischen Kirche beitritt – mit dem Katholizismus hat er sich ohnehin auf Grund der Caritas-Hilfe versöhnt – denn wer ohne Religion ist, macht sich verdächtig.

(Anscheinend trat er schon im Gefangenen-Lager wieder ein.)

Hans Dobat
Rechtsanwalt
Braunschweig, den 1.April 1952

An die
Rechtsanwaltskammer in Celle
Betrifft: Kammerbeitrag

[Sein Einspruch bezieht sich auf den Mitglieds-Beitrag zur Anwalts-Kammer. Den konnte er sich nicht leisten, ohne Mitgliedschaft jedoch keine Berufs-Ausübung.]

… hat das Präsidium aber auch nicht berücksichtigt, daß ich erstmals mit 38½ Jahren ein Einkommen habe, das als ausreichend bezeichnet werden könnte, wenn nicht vorerst noch alte Schulden abzudecken wären und alsdann das Notwendigste an Kleidung und Hausrat für mich und meine Familie beschafft werden müßte. Nach vierjährigem Kriegsdienst bin ich erst im Juni 1947 mit abgeschabter Uniform aus der Kriegs-Gefangenschaft entlassen worden, nachdem meine Frau und ich unser Hab und Gut im Osten verloren hatten. Nachdem ich als Referendar und als Anwaltsassessor (mit doppeltem Haushalt in Uelzen und Celle) gerade mich und meine Familie unterhalten konnte, kann ich erst jetzt eine angemessene Einkleidung meiner Familie und die Beschaffung des notwendigen Hausrates für die nächsten Monate bzw. Jahre planen. Zur Zeit bin ich jedenfalls noch genötigt, alte Uniformstücke zu tragen und meine Wohnung u.a. mit Munitionskisten und alten Luftschutzbetten zu möblieren. Bei dieser Sachlage kann der Bescheid vom 26.3.1952 nicht überzeugen, sondern nur Bitterkeit auslösen …“

Kein April-Scherz, aber er hat wohl in gewohnter Anwalts-Manier etwas dick aufgetragen. Auf dem Foto oben sehe ich aus, als ob ich mich frage: Wo sind denn die Munitions-Kisten? Auch will ich noch nichts mit Ziegen zu tun haben. Mit Elefanten auch nich.

erste-Ziegen

Elefanten-Uelzen

Advertisements

5 Gedanken zu „Armut

  1. Deine Großmutter und meine schienen einen ähnlichen Hut-Geschmack zu haben.
    Bei meinen Eltern liefen die ersten Jahre ähnlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s