Tante Jim-Jam

Tante-Jim-Jam

Mein Vater war das 9. Kind von Christoph Dobat mit Tante Jim-Jam – eigentlich Lina Dobat (1873-1959), geb. Matthée, aber ich nannte sie so nach der Lebertran verteilenden Figur in „The Kinder Kids“ von Lyonel Feininger. Mir erschien sie als meine große, immer schwarz gekleidete, kalt und bedrohlich wirkende Oma. Bei der Flucht aus Ostpreußen war sie schon über 70, und die neuen Verhältnisse verkraftete sie geistig nicht mehr. Obwohl gut behütet von ihren zahlreichen Kindern, enthalten ihre Briefe an meinen Vater nur Klagen.

Grosseltern-Vater

Hamdorf, d. 12.55
Lieber Hans!
Vielen Dank für Deinen Brief. Ich habe seit 2 Wochen Nesselfieber. Wenn ich gleich etliche Tage gelegen hätte, wäre es vieleicht schon gut, nun quäle ich mich noch damit rum. Ich bin immer so müde und liege viel. Der linke Fuß ist voller Flechte, und die Hände um die Daumen sind voller Flechte und juckt alles fürchterlich, man könnte bald kratzen, bis Blut kommt. Um die Knie war auch alles geschwollen und voller Flechte. Jetzt ist es da schon besser. Ich habe auch selbst schuld. Ich habe noch mit Wipp meine Wäsche gewaschen, alle Tage etwas. Ich habe 2 Nachthemden auch noch Stoff zum nähen. Lina schickte mir auch eins, aber das war zu klein, das gab ich für Irene. Ich wusch immer gleich aus, wenn ich eins auszog. Was soll ich mir noch viel anschaffen. Ich werde doch bald heim gehen. Ich wollte mir noch ein Kleid kaufen, aber nun habe ich auch noch keins gekauft, werde warten bis zum Januar bis Winterausverkauf ist, dann ist es billiger. Gestern brachte mir Manfred Fleisch und Grützwurst von Meta. Ich hatte mir noch Hackfleisch bringen lassen, und hatte das noch gar nicht verbraucht. Ich fühlte mich so wohl vor dieser Krankheit. Ich werde auch vorläufig nicht mehr waschen. Frieda will ja noch ein Jahr hier wohnen, trotzdem überall durchregnet. Ich werde, wenn ich gesund bin nach Rensburg fahren, damit die Herren rauskommen, und wir eine andere Wohnung bekommen. Es schwimmt ja hier, wenn regnet und der Schnee jagt ja überall durch die Fenster. Fenster sind alle so schlecht das immer die Vorhänge jagen. Ja Miete zahlen wir im Januar nicht, aber Brennwerk brauchen wir unheimlich, überhaupt Frieda. Ich habe höchstens 10˚. Aber ich ziehe mich warm an. Frieda liegt heute, weil es ihr wohl zu kalt ist. Ich wollte mich noch mit meiner Jacke behelfen aber Sonntag hat mir Frieda den rechten Ärmel eingerissen. Handschuhe habe ich selbst gestrickte Fausthandschuhe und komme damit aus. Einen breiten Schal bekam ich von Kurt, ich benutze ihn wenig, ist zu hell und schade. Mein Mantel ist so schlecht und werde ich mir im Januar umarbeiten lassen. Für den Winter muß noch alles vorhalten. Also mache Dir nicht viel Ausgaben. Wenn ich brauche werde ich fordern. Ich habe von allem genug. Schuhe wollte ich mir schon lange kaufen, 44. brauche ich. Kamelharschuhe. Ich friere immer an den Füßen.
Ich werde an Kurt mehr schreiben, da kannst Du lesen.
Herzlichen Grüße Euch allen von Mama und Oma
Bitte die Schwiegereltern zu grüßen.

waschen-Ostpreussen

Waschen am Fluß in Ostpreußen

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