Der zerbrochene Stuhl

Scharnhorstschule-62

Diese mißlungene Federzeichnung von Herrn Schulz aus dem Jahre 62 schwärzt mehr, als sie vom Scharnhorst-Gymnasium in Hildesheim zeigt. Z.B. rechts unten die transparente Pausenhalle. Auch kann sie nicht wiedergeben, was sich innen abspielt: 2 Schüler befinden sich gegenüber und schubsen sich in der Pause einen, der zwischen ihnen steht, gegenseitig zu. Auf der einen Seite stehe ich (der gerade in eine fremde 6.Klasse zurückgewandert ist), der andere sitzt auf einem Stuhl, mit dem er umkippt, als sich der in der Mitte auf ihn fallen läßt. Der Stuhl zerbricht, Schuld habe ich – wer sonst – da sind sich die zwei anderen (beliebteren) und auch die Klasse sofort einig: Ich hätte zu doll geschubst und müßte deshalb die Stuhl-Reparatur bezahlen. So sieht es auch Studienrat Kersten, Klassenlehrer und sanfter Langweiler, der noch nicht ahnt, daß er es mit meinem Vater zu tun bekommt:

Hildesheim, 5.6.61
Sehr geehrter Herr Kersten!
Ich wäre dankbar, wenn ich Sie in der Stuhlangelegenheit möglichst bald sprechen könnte … Vorweg möchte ich bemerken, daß wir unseren Sohn systematisch und mit offensichtlichem Erfolg zur Wahrheit erzogen haben und daß er uns noch nie belogen hat, auch wenn er etwas angestellt hatte. Auch von dem Mißgeschick mit dem Stuhl hat er uns am selben Tag berichtet. Ich sehe keinen Anlaß, an der Richtigkeit seiner Angaben zu zweifeln, und würde es bedauern, wenn er jetzt den Eindruck erhielte, daß man mit Lügen im Leben viel erreichen kann. Mein Sohn weiß genau, daß es mir auf die Bezahlung des Stuhls nicht ankommt, wenn er allein den Schaden verursacht hat. Das ist nach seiner Darstellung aber nicht der Fall. Ich stelle anheim, Herrn Studienrat Bertram als früheren Klassenleiter über die Glaubwürdigkeit meines Sohnes zu befragen. Ich bin aber nicht damit einverstanden, daß er auf Grund sich widersprechender Angaben der Beteiligten vor der Klasse als Lügner gebrandmarkt wird. Weitere Untersuchungen bitte ich jedoch zurückzustellen, bis wir über die Angelegenheit gesprochen haben.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Hans Dobat

Was der Klassenlehrer auch noch nicht wußte: Mein Vater hatte gerade im Finanz-Ministerium den Auftrag bekommen, ein Bewertungs-System zu entwickeln, mit dem man die Besoldung der verschiedene Beamten-Laufbahnen vergleichen und anpassen konnte. Die sog. Dienstposten-Bewertung. Da mußten nun die, die glaubten, zu wenig für ihre Arbeit zu erhalten, oder die Richter und Professoren, die ohnehin schon zu viel bekamen, auf meinen Vater einwirken, daß er was änderte oder alles so beließ. Die Volksschul-Lehrer wollten wie Gymnasial-Lehrer bezahlt werden, die staatlichen Pferdezüchter luden zur Hengstparade in Celle, die Schornsteinfeger schenkten ihm einen Zylinder, Handwerkskammern bewirteten ihn, Förster boten ihm an, einen Hirsch zu killen, die Marine schipperten ihn auf einem Minen-Suchboot in der Kieler Förde herum, und eines Tages standen 3 meiner Lehrer als Vertreter des Philologen-Verbandes vor der Tür, die ich freundlich lächelnd einließ. Danach wurde ich immer fair behandelt. Etwas leisten mußte ich trotzdem, und das wollte ich auch, aber es war ein Unterschied zu spüren.
Jedoch als ich es mit den faulsten Beamten überhaupt zu tun bekam, mit den Kunst-Professoren, war die Idee der Dienstposten-Bewertung schon aus politischen Gründen aufgegeben worden. In der Zeitung konnte man von so groben Ungerechtigkeiten lesen wie über die Beförderung eines Hunde-Führers der Polizei. Die da oben hatten den verdienten Mann auf einen leitenden Schreibtisch-Posten befördert, wo er ganz unglücklich war, weil er nun nicht mehr mit seinem Schäferhund in der Gegend herumtollen und Demonstranten verjagen konnte. Gelegentlich fragte mein Vater zynisch, ob die Leistung eines Beamten eigentlich zunähme, wenn er befördert würde. Meist arbeitet man ja mehr oder weniger verbissen für den Aufstieg und wird dann plötzlich schwanger, wenn er erfolgt ist.

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