Über Pfriemeln und Schummern hinaus

Pingel-47

In der Zeit, als ich zur Unruhe neigte, wurde ich von Studienrat Heinz Burkowitz in Kunst unterrichtet. An sich ein harmloser, alter Mann, der sich aber – durch zunehmende Lautstärke im Unterrichtsraum gereizt – mit einem rohen Stück Holz von hinten anschlich und es mir, der ich schwatzte anstatt zu malen, auf die Schulter knallte. Wie modern er eigentlich sein wollte, wird in einem Beitrag deutlich, den er zum 75jährigen Jubiläum des Scharnhorst-Gymnasiums (1960) schrieb. Der begann sogar mit einem Nietzsche-Zitat:
„Man sehe nur erst in der Bildung etwas, das Nutzen bringt, so wird man bald das, was Nutzen bringt, mit Bildung verwechseln.“ Die Fachschaft litt also damals schon daran, daß die Bedeutung ihrer Arbeit angezweifelt wurde. Deshalb mußte sich Heinz vom Zeichenunterricht alter Schule distanzieren: „Mit rationaler Perfektion wurde der Weg vom Einfachen zum Schwierigen beschritten: Pflaume – Ellipse – Handspiegel. Mißratene eigene perspektivische Darstellungen von Zigarrenkisten oder ‚geschummerte‘ Gipsköpfe (nur für Fortgeschrittene) sind seitdem noch für viele Erwachsene die Basis ihrer Kritik am heutigen Kunstunterricht geblieben.“ Dagegen setzt Heinz eine neue Definition von „Zeichen“: Nicht auf Zeichnen sondern auf die Zeichen der Zeit, die Symbole des Lebens hin soll eine Bild- und Zeichensprache im Schüler entwickelt werden. Dabei ist man noch nicht so weit, z.B. das Auto als Motiv entdeckt zu haben, sondern gemeint sind Natur-Zeichen, die bereits überall am Verschwinden sind: „Punktierungen, Strichelungen, Kurvungen, Linien und Linienbündel, Verdichtungen und Streuungen eröffnen eine Fülle von Ausdrucks-Möglichkeiten. Es ergeben sich Gedankenverbindungen zu Sand, Steinchen, Tannennadeln, Glasscherben, Halmen, Haar, Wolle und vielem anderem.“ Welche Relevanz dabei die Gedanken-Verbindung zur Tannennadel als Zeichen der Zeit innehabe, bleibt ungelöst. Wichtig ist vielmehr, daß auch in der Betrachtung von Werken der Bildenden Kunst „unsere Jungen eine Zucht des Sehens erfahren, die über das äußere Bild bis zu den tieferen Zusammenhängen vordringt … In guter Stunde spürt der junge Mensch, wie alles Echte in der Stille geboren wird. Daran können auch die lauten Betriebmacher unserer Zeit nichts ändern. Denn das Unscheinbare, also das Nicht-Scheinbare, ist am Ende doch mächtiger als das Scheinbare, dem heute sich so viele Menschen verschrieben haben.“ Kein Wunder also, daß ich ihm zu laut war. Ob das Holz nun als Naturobjekt oder zum Umrühren von Farbe diente, kann ich nich sagen. Sicher iss jedoch, daß man eine Bande von bis zu 40 pubertierenden Jungen schlecht mit Verinnerlichung konfrontieren kann. Das gelingt allenfalls bei 10%.
Tja, Heinz, das hat wohl nicht geklappt, obwohl Du sogar schon das Verhältnis Lehrer-Schüler als in Wandlung begriffen ansahest: „Geben und Empfangen als Wechselbeziehung“ (Hätte ich zurückschlagen sollen?). Das lag vielleicht auch daran, daß Du bereits in den 60ern das „fachegoistische Gegeneinander der Fächer“ kanntest.

Blaupunkt-60

Zeichnung „Springendes Fohlen“ von Ernst Pingel (1907-79), 1947 („Heimatkalender für Stadt und Kreis Uelzen 1949“)

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Ein Gedanke zu „Über Pfriemeln und Schummern hinaus

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