Sei jung und still!

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1967 wartete ich nach dem Abitur auf den Studienbeginn. Bis dahin arbeitete ich bei Blaupunkt in Hildesheim am Fließband. Im Sommer fragte die Arbeiterwohlfahrt an, die den deutsch-französischen Jugendaustausch organisierte, ob ich mich als Hilfs-Moniteur für den diesjährigen Austausch zur Verfügung stellen könnte. Es fehlte ein Moniteur für die Jungen. Zwar mußten Moniteure mind. 19 sein (Ich wär es in Frankreich geworden.) und auch einen Kurs absolviert haben, aber ich hätte ja schon Erfahrung und spräche französisch. Das würde klargehen („Bitte lassen Sie uns nicht im Stich!“). Also kündigte ich bei Blaupunkt und fuhr los.
Im Lager St.Martin d‘Ardèche am Unterlauf der Rhône angekommen, wies man mich ab, weil mein Einsatz mit den Franzosen angeblich nicht abgesprochen war. Am nächsten Tag ließ man mich noch am Programm teilnehmen, am übernächsten wurde ich vor Sonnenaufgang wieder nach D abgeschoben. Nach Hause zurückgekehrt, fragte mich mein Vater, was ich den in Frankreich angestellt hätte. Ich fiel aus allen Wolken.
Vorher hatte der Lagerleiter mir gegenüber sein Bedauern ausgedrückt, daß ich Opfer bürokratischer Mißverständnisse geworden war und wollte mir den Brief zeigen, den er an die deutsche Kontaktstelle geschrieben hatte. Er öffnete eine Schublade, fand ihn aber nicht. Ich ahnte nicht einmal, welches Spiel dieser Mann mit mir trieb.

Brief des Lagerleiters Barrentier (meine Übersetzung und rote Hervorhebung besonders absurder Stellen):
„Ich war überrascht, im Zug in Pierrelatte einen deutschen Jungen zu sehen, der mir hat sagen lassen, daß er als Hilfs-Moniteur käme, und nicht französisch spräche. Er hat übrigens nicht das erforderliche Alter, und nachdem ich bereits nicht geeignete französische Moniteure zurückgewiesen habe, ist es mir zu schwer gefallen, ihm Verantwortung anzuvertrauen (immerhin danke ich Ihnen, daran gedacht zu haben, die Gruppe verstärkt zu haben; 18 anstelle von 15).
Ich habe ihm meine Sorge übersetzen lassen, und er hat mir gegenüber eine Stellung als Teilnehmer angenommen. Im Lager bei Tisch ist ihm in einer Unterhaltung entschlüpft, daß er französich spräche. Übrigens hat er sich im Laufe der Reise um nichts gekümmert, indem er zu Elke sagte, daß er weder französisch verstände noch spräche.
Schließlich waren wir verärgert. Wir hatten keinen Platz mehr, um ihn unterm Zelt unterzubringen (dadurch, daß die tatsächliche Anzahl der deutschen Jungen nicht beachtet wurde). Wir haben trotzdem ein Bett hinzufügen müssen, und das war sehr richtig. Das Bett gefiel außerdem nicht. Seine Gegenwart als Teilnehmer hat sofort Probleme aufgeworfen.
Zuerst führte er sich im Zug mit den jungen Mädchen schlecht auf, deren Moniteur er doch damals war. Im Lager hat er es dann mit Französinnen fortgesetzt – einer hauptsächlich. Im übrigen sagte er ständig, daß das Lager schlecht eingerichtet sei. Übrigens ist es sehr gut in diesem Jahr wegen der ganzen Erneuerungs-Arbeiten. Er moquierte sich auf deutsch über die französischen Moniteure. Man mußte ihm immer wieder die Dinge wiederholen. Er war ein schlechtes Beispiel. Alle Gruppen beklagten sich mir gegenüber nach einem halben Tagesablauf.
I
ch will ihn nicht verurteilen, aber ich glaube, daß er dieses Jahr nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.
Nicht vorgesehen, unnütz, anstößig, überzählig – Thomas konnte nicht bleiben. Die deutsche Begleiterin nahm gern an, ihn zurückzubringen. Also habe ich jetzt mit Paris und Prairas (an die UFOVAL) telefoniert. Man rät mir, ihn nach Deutschland in Begleitung zurückzuschicken. Was ich tue. Er wird morgen früh aufbrechen. Wir haben nach Deutschland keinen telefonischen Anschluß erlangen können. Ich hätte ja doch gerne mit Ihnen über dieses Problem sprechen wollen.
Ich denke, daß die 18 Deutschen so leichter glücklich und einen schöneren Aufenthalt haben werden. Das ist es, was mich veranlaßt.
Glauben Sie an meine volle Freundschaft!

2 Probleme:
1. Die Jungen Leute haben keine Ausstattungsliste gehabt
2. Ich habe die Rückfahrkarte nicht. Die deutsche Begleiterin hat sie. Sie fährt morgen früh ab. Also glaube ich, daß sie die Gruppe wieder abholen wird.
3. Beim nächsten Aufenthalt müßte die normale Gruppe kommen (15 + 1 Moniteur).“

„Sei jung und still!“ (Plakat des Aufstands 68 in Paris)

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