Qui s’excuse s’accuse!

Vortrag-64

Wenn ich etwas Wesentliches von meinem Vater gelernt habe, dann niemals die kühle Vernunft zugunsten heftiger Gefühle wie Zorn über Ungerechtigkeit aufzugeben. Dies war und ist besonders wichtig für Menschen wie ihn und mich, die angesichts grober Gemeinheit gelegentlich explodierten. Im Falle des Frankreich-Skandals war eine juristisch wasserdichte Erwiederung schon deshalb wichtig, weil ICH die Kosten meiner Ausweisung zu tragen hatte, falls ein Fehlverhalten meinerseits vorlag. Die Arbeit als Moniteur war zwar unbezahlt, bedeutete jedoch einen kostenlosen Frankreich-Aufenthalt. Und wenn man Lehrer werden will, ist es ja nicht ganz unbedeutend, ob man schon als Moniteur versagt hat.

Baden-Baden, 19.7.67

Lieber Thomas!
In dem Schreiben an Frl. Scholz habe ich von Deinem Bericht verwertet, was im Augenblick allein wichtig ist. Man muß nicht gleich das ganze Pulver verschießen. Warum nicht, das kannst Du zum Teil aus der Durchschrift entnehmen. Ein gutes Sprichwort sagt: Wer sich entschuldigt, klagt sich an. („Qui s’excuse s’accuse.“ Stendhal). Also erstmal abwarten, was man gegen Dich – schriftlich – vorzubringen hat. Sonst verteidigst Du Dich an Stellen, wo man Dich gar nicht oder nicht mehr angreift, und widerlegst Behauptungen, die keiner aufgestellt haben will. Den Bericht mußt Du noch gründlich überarbeiten! Hast Du eine Abschrift? Ich möchte ihn mir noch mal näher ansehen. Heute hat mir der Brief an Frl. Scholz gereicht. Dein Bericht sollte ein ganz nüchterner Tatsachenbericht über den wesentlichen Ablauf der Dinge in historischer Reihenfolge sein. Dabei kann man ganz sachlich all das besonders ausführlich behandeln, was die von Frl. Scholz übermittelten Behauptungen in einem anderen Licht erscheinen lassen oder auch einfach als unglaubwürdig. Du kannst – wie geschehen – Deine seelische Verfassung schildern, sollst aber trotz Verbitterung nicht aggressiv werden. Du kannst die Kritik des Lagerleiters berichtend wiedergeben, aber nur als seine Worte. Halte mit Deiner Meinung zurück, bis man sie wissen will oder es darauf ankommt.
So, das genügt für heute. Und wenn Du wieder schreibst – ich freue mich darüber – dann sage auch, wie es Mutti geht. Ich hoffe, daß Du Dich um sie kümmerst. Du kennst doch jetzt das Gefühl, wenn man einsam und verlassen dasteht.

[Dazu möchte ich ganz nüchtern und sachlich anmerken, daß meine Mutter immer plötzlich krank wurde, wenn sich mein Vater auf Dienstreise oder zur Kur begab. Während er sich u.a. amüsierte, hatte ich meine Mutter zu pflegen. FUCK!]

Baden-Baden, 24.7.67

Lieber Thomas
… Bei dem Sprichwort kommt es übrigens nicht darauf an, was Du von der Sache hälst, sondern wie das „Entschuldigen“ auf andere wirkt oder wirken könnte. Und damit muß man rechnen, wenn man von diesen anderen etwas erwartet, z.B. eine Zahlung. Und gerade weil wir die „Anklagen“ noch nicht genau kennen, muß man sich auch mit der Verteidigung zurückhalten.
Aber so geht es nun wohl. Ich hoffe, daß ich die neue Reinschrift nach Bonn schicken oder persönlich übergeben kann. Der Umweg ist mir gar nicht angenehm! Ich tue es aber, um Dir zu helfen.

Baden-Baden, 26.7.67

Lieber Thomas!
Du bekommst jetzt den Brief von Herrn Barrentier, und ich nehme an, daß er Dich ebenso wie mich überrascht, denn die Vorwürfe sind doch ziemlich massiv, beruhen aber zu einem wesentlichen Teil auf Anschuldigungen von Frl. Birnbaum und Frl. Einfeld. Letztere hat offenbar alles brühwarm weitergetratscht, was Du zu ihr gesagt hast.
Nimm bitte zu dem Brief Stellung und schicke mir den Entwurf. Ausführlich aber sachlich …, denn ich habe den Eindruck, daß Deine Kritik – sans cesse – an der schlechten Ausstattung des Lagers Mr. B. am meisten verärgert hat und vielleicht ausschlaggebend für Deine Rücksendung war. Offenbar hast Du auch die französischen Moniteure gegen Dich aufgebracht. Hast Du Dich in unvorsichtiger Weise über sie „moquiert‘? Wer von den Deutschen hat es ihnen hinterbracht? Auch auf die Sache mit den Französisch-Kenntnissen kannst Du jetzt ausführlicher eingehen, denn das gab offenbar den ersten Ärger … Auf keinen Fall sollten wir Frl. Scholz verärgern, auch wenn sie an der Affäre nicht ganz unschuldig ist.
Der Brief mit den Belegen hat Strafporto gekostet. Zu schwer für 30Pf.

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