Abrechnung

Abrechnung

Hans Dobat
Ministerialrat

An die
Arbeiterwohlfahrt – Bundesverband e.V. –

Sehr geehrtes Fräulein Scholz!
… Nach dem Bericht, den ich von meinem Sohn erhalten habe und in dem er mit verständlicher Empörung und Verbitterung auch zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung nimmt, muß ich zunächst genau wissen, was ihm vorgeworfen wird, und wer es behauptet. Ich halte es nicht für zumutbar, daß mein Sohn zu allgemein gehaltenen telefonischen Vorwürfen, die ich vielleicht schon ungenau wiedergegeben habe, und die wohl mindestens zu 90% auf Mißverständnissen beruhen dürften, Stellung nimmt, bevor diese Vorwürfe schriftlich fixiert und, soweit es sich um allgemeine Urteile handelt (flirten, aufwiegeln, absondern, usw.), durch Tatsachen belegt werden.
… Bereits bei der Ankunft auf dem Bahnhof sagte man ihm, daß man ihn nicht erwartet habe, und daß er nicht Moniteur sein könne. – War er denn nicht als Moniteur angemeldet? – Im Lager war kein Bett für ihn vorhanden. „Nachdem alle Jungen und Mädchen auf die einzelnen Zelte verteilt waren und ihnen das Lager gezeigt wurde, stand ich noch immer mit meinem Koffer mitten im Lager, und niemand kümmerte sich um mich, auch nicht Frl. Birnbaum, an die ich mich mehrfach wandte.“ Nach einiger Zeit wurde ihm eines der Krankenzimmer zugewiesen. „Hier stand ich nun mit meinen Sachen, einem Bett und einer Kommode. Ich war mit meinen Nerven am Ende und sehr deprimiert.“
Beim Abendessen (des Ankunfttages!) sprach ihn der Lagerleiter (der offenbar nicht Deutsch kann) an, und mein Sohn hat ihm auf französisch geantwortet! Der Lagerleiter erklärte ihm, er wolle versuchen ihn als Teilnehmer (!) im Lager zu behalten. Nach dem Abendessen erst wurde ein Platz in einem Zelt (mit dem Bett aus dem Krankenzimmer) für ihn eingeräumt. Noch am Abend des Ankunftstages erklärte der Lagerleiter vor dem gesamten Lager, daß mein Sohn zu jung sei, um Moniteur zu sein, und zu alt, um im Lager bleiben zu können. Er wolle mit Paris sprechen, um die Lage zu klären.
Am nächsten Vormittag (!) teilte man ihm mit, daß Paris seine Abreise angeordnet habe. Das war noch vor dem Schwimmen und Rudern, bei dem er Gelegenheit hatte, sich mit anderen Lagerinsassen zu unterhalten und sich dabei als Dolmetscher zu betätigen. An diesem zweiten Abend hat er sich dann noch ausführlich mit dem Lagerleiter in bestem Einvernehmen unterhalten. Mein Sohn versichert, daß weder bei dieser Unterhaltung noch sonst irgendwann sein Verhalten in irgendeiner Weise beanstandet worden ist.
Sie werden hoffentlich verstehen, Fräulein Scholz, daß ich jetzt auf eine restlose Klärung der Angelegenheit Wert lege. Auch zu dem Verhalten von Frl. Birnbaum (während der Fahrt und im Lager – auch nach meinen persönlichen Beobachtungen in Hannover!), die offenbar gar nicht in der Lage ist, sich mit dem Lagerleiter in Französisch zu verständigen, wird noch einiges zu sagen sein. Aber zunächst möchte ich mal wissen, was sie unter Flirten versteht.
Zum Schluß noch ein Zitat: „Am nächsten Morgen wurde ich ohne Frühstück abgeschoben.“ „Bitte lassen Sie uns nicht im Stich!“ [Scholz]. Das ist auch ein Zitat.
Ich möchte nur noch bemerken, daß die Einstellung meines Sohnes sowohl gegenüber dem Lager wie auch gegenüber dem Lagerleiter, der ihm sympathisch erschien, durchaus positiv war, als er nach Hause kam! Er wäre gerne dort geblieben. Um so mehr war er von dem überrascht und betroffen, was Sie mir als Auskunft des Lagerleiters telefonisch eröffnet hatten. Oder sollten auch da schon Übermittlungs- bzw. Verständigungs-Fehler vorgelegen haben?
Zweifellos hat es Schwierigkeiten mit meinem Sohn gegeben. Es fragt sich nur, ob sie durch die von meinem Sohn nicht zu vertretenden Umstände – in diesem Sinne hat sich auch der Lagerleiter ihm gegenüber geäußert – verursacht worden sind oder durch sein Verhalten, zu dem ich konkrete Angaben der Beteiligten erwarte.

26.7.67
Sehr geehrtes Fräulein Scholz!
… Sie können dann am besten sehen, daß die selben Tatsachen aus der Sicht des von vornherein zurückgewiesenen und sich isoliert fühlenden Moniteurs anders aussehen als aus der Sicht des Lagerleiters, der sich unerwarteten und lästigen Problemen gegenübersieht. Mir scheint, daß mein Sohn – nicht ohne Grund – über den Empfang verbittert war, und daß sich Herr Barrentier die Lösung des lästigen Problems sehr leicht gemacht hat (après une demi-journée!). Ich kann immer noch nicht begreifen, wie man innerhalb eines halben Tages so viel anstellen kann, um eine solche Entscheidung zu rechtfertigen. Eine entscheidende Rolle haben offenbar Frl. Einfeld und Frl. Birnbaum bei den Erwägungen des Lagerleiters gespielt. Ich bin auf ihren Bericht sehr gespannt, zumal ich den Beginn der Reise und Frl. Birnbaum noch selbst erlebt habe.

Advertisements

5 Gedanken zu „Abrechnung

  1. Das ist ja spannender als Tatort!
    Wann geht es weiter?
    Was, wenn erst morgen die nächste Folge kommt, und mich trifft zwischenzeitlich ein Meteor oder die amoklaufende Fr. Birnbaum knallt mich ab?

  2. Ja ja, Millionen und Abermillionen ARD-Gucker/innen müssen künstlich am Leben gehalten werden, bis endlich die letzte Folge „Sturm der Liebe“ – oder wie Flipper heute heißt – gesendet wurde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s