Miserabel

Revolutions-Kitsch

Victor Hugo (1802-85) mußte seinen sozialkritischen Roman „Les Misérables“ über das Elend der französischen Arbeiter 1862 in der Verbannung schreiben, Folge seines wechselhaften politischen und religiösen Engagements. Ich kann nicht sagen, inwieweit das 1980 enstandene Musical dem monumentalen und melodramatischen Roman folgt, bin jedoch sicher, daß es sich um eins der kitschigsten Produkte dieses Genres handelt. Jegliche Sozialkritik wird dadurch harmonisiert, daß Anfang und Ende des Stücks vom religiösen Wahn bestimmt sind. Der Dieb Valjean, der sich am Kirchen-Schatz vergreift, bekommt auch noch den Rest vom gütigen Bischof, was nicht nur seinen späteren Erfolg als Fabrik-Besitzer erklärt, sondern auch, daß er – singend – im Schoße der Kirche stirbt (Valjean: „To love another person is to see the face of God.“). Kein Wunder also, daß die katholische Kirche so notleidend ist, hat sie doch immer all ihren Besitz den Armen übergeben, und der Papst muß sich noch heute seine roten Schuhe vom mageren Taschengeld besorgen.

traurig

Obwohl der Musical-Film (2012) eine ansprechende Visuallisierung bietet, wird diese doch durch den Gesang völlig zunichte gemacht. Schon zu Anfang ergreift es den Betrachter schockartig, wenn Russell Crowe wie ein Kleiderständer mit einem Socken im Mund singt. Auch die anderen Schauspieler zeigen singend Fratzenhaftes mit weit aufgerissenen Mündern (Eddie Redmayne als Marius & Anne Hathaway als Fantine). Allein die Vorstellung, 2 Liebende sängen sich in voller Lautstärke an, lösen Assoziationen mit Mundgeruch, Spucke-Spritzern und Ohrensausen aus. Mindestens 4x wird singend gestorben, so daß man dem Sterbenden in dieser „(P)opera“ zurufen möchte: Mach hin! Ich halte es auch nicht mehr aus! „Hurry up and die already so I can get out of here! My advice for those of you still contemplating seeing this in a movie theater: sit next to an exit unless you’re sure you know what you’re in for.” Auch sollte man den Film nicht nach dem Essen ansehen.

In meinen letzten Jahren als Gymnasial-Lehrer wurden die niedersächsischen Gymnasien aufgefordert, sich in der Zeit sinkender Schülerzahlen einen vermarktbaren Schwerpunkt zu setzen. Da bot es sich an, die ohnehin schon den musischen Unterricht kannibalisierende Mode des Musicals zu wählen. „Wegen dieses kitschigen Musicals ist Unterricht nicht möglich”, schrieb ich zweispaltig ins Klassenbuch, als mal wieder nur 10% meiner Schüler erschienen (der Rest bei Proben). Eine in diesem Bereich engagierte junge Kollegin (Deutsch & Religion) kopierte den Text, heftete ihn im Lehrerzimmer an die Wand und machte mir eine hysterische Szene. Manche – sonst aufgrund ihres Faches wenig kreative Kollegen – waren so glücklich darüber, wie sie ihre Schüler mit Populärem erreichten, daß sie gar nicht mehr realisierten, auf welchem Niveau sich das bewegte.
Und welch ein Hohn, daß ich schließlich in einer Region landete, wo der Sanges-Wahn mit Hilfe japanischer Technik zum totalen Terror mutiert ist, in dem sich das Gegröhle Besoffener und das opernhafte Gejaule verfetteter religiöser Tanten nicht mehr vom synchronen Gesang der Hunde-Rudel unterscheiden lassen.

tomorrow-comes

Advertisements

11 Gedanken zu „Miserabel

  1. OK, da fahr ich mit meinem Schatz nie, nie, nie hin, auf so ne schreckliche Fettetanteninsel.
    Bei uns wird nämlich auf hohem Hochlandniveau gesungen!

  2. Ich kenn sowas.
    Bevor mein Haus brannte, kreischte die Nachbarin dermaßen wochenlang den Namen des Gründers der Antipsychiatriebewegung im höchsten Diskant, bis mir vom Zuhören MEINE Stimmbänder schmerzten.

  3. Ich hatte in der „Volksschule“ (hieß wirklich so) noch einen sogenannten „Oberlehrer“, der hat die Kinder immer am verdrehten Ohr über den Schulhof geschleift.

  4. Die haben Schule damals noch so genannt, wie sie war.
    Ich hatte einen, der hat noch im Gymnasium Nasen geklemmt. Daher der Name!

  5. Das Unangenehmste war, dass er immer Kreide-Finger hatte und man selbst hinterher eine weisse Nase.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s