How I missed the war

freiwillig

Bei der Gründung der Bundeswehr im Jahre 1955 stammte deren Offiziers-Corps fast ausnahmslos aus der Wehrmacht, 330 Offiziere sogar aus der Waffen-SS. Diese sollten das neue Konzept der „Inneren Führung“ umsetzen – was zu gelegentlichen Todesfällen führte. 1957 ertranken 15 Wehrpflichtige, 1963 wurden nach einem Todesfall die Ausbildungs-Methoden bei den Fallschirmjägern in Nagold öffentlich bekannt, die einer „Verweichlichung“ entgegenwirken sollten. Doch ich würde das schon schaffen. Militärisch wirkte die Lage für die USA in Vietnam immer brenzliger, ich dagegen flanierte mit meiner damaligen Freundin, die körperlich zwar tadellos in Schuβ, aber im Gehirn noch etwas unterentwickelt war, eine ahornbestandene Allee zwischen den Hildesheimer Sportplätzen entlang, als sie mir unverhofft eröffnete:
„Wenn du als Soldat nach Vietnam muβt, will ich vorher ein Kind von dir!“
Verblüfft ob dieser fortgeschrittenen Logik starrte ich sie an. Zwar war die Bundesrepublik zu jener Zeit logistisch tatsächlich erheblich in den Vietnamkrieg verwickelt – eine der untertänigsten Verbündeten der USA – und natürlich wurde auch ein militärischer Einsatz der Bundeswehr als Möglichkeit von der Presse durchgehechelt, aber VATER werden – was für eine grauenhafte Perspektive! Handelte es sich hier nun um wahre Liebe oder wahre Blödheit? Hatte sie vielleicht irgendwelche Schundromane gelesen? Schon Arno Schmidt warnte ja, immer die Lektüre der Frauen zu kontrollieren. Gucken sie auf einmal ganz bös, so studieren sie möglicherweise gerade Simone de Beauvoir, diese hörige Schluckspechtin. Auβerdem war ich Esel meiner Freundin bisher überhaupt noch nicht körperlich so nahe getreten. Das hätte erstmal geübt werden müssen und einiger Vorbereitungen bedurft. Leider lieβ sie mich – inzwischen wohl kritischer geworden, auβerdem war der Krieg vorbei – etliche Jahre später in diese Region nicht mehr vorstoβen, als wir uns zufällig in Hannover wiederbegegneten, und sie sich gerade anschickte, einen Baron zu ehelichen. Vorher zeigte sie mir aber noch ihre nackten Brüste. Mannomann! Hatten die sich entwickelt!
Aber zurück zum Krieg. Es gab noch eine interessantere Möglichkeit: Der Wehrdienst ließ sich auch beim Bundesgrenzschutz ableisten, wo man besser bezahlt und möglicherweise als angehender Polizei-Beamter korrekter behandelt wurde – schon weil dort dringend Freiwillige benötigt wurden. Also bewarb ich mich 1966 beim Grenzschutzkommando Nord. Dafür wurde im Bewerbungsbogen auch nach Kinderkrankheiten gefragt. Ordentlich wie ich bin, schrieb ich rein: Endocarditis mit 2 Jahren. Damals wäre ich fast daran gestorben. Mein Herz hat nicht ganz die vorschriftsmäßige Form, es gab aber außer Narben keine weiteren Folgen. Prompt erhielt ich die Antwort von Hauptmann Strecker: „Unter Bezugnahme auf Ihren vorliegenden Bewerbungsvorgang bedauert das Kommando Ihnen mitteilen zu müssen, daß es aus ärztlichen Gründen nicht möglich ist, Sie als Polizeivollzugsbeamten in den Dienst des Bundesgrenzschutzes einzustellen. Das Kommando dankt Ihnen für Ihre Bereitschaft, sich für eine Verwendung im Bundesgrenzschutz zur Verfügung stellen zu wollen.“
Ich wär ja durchaus bereit gewesen, den einen oder auch anderen umzubringen, wenn man mir dafür vernünftige Gründe genannt hätte, aber nun war ich beleidigt und wollte auch nicht mehr zur Bundeswehr. Mein Hausarzt meinte, daß ich mit einem Röntgenfoto meines Herzens ohne weiteres freigestellt werden würde. Also erschien ich bei der Musterung mit der Aufnahme und machte von vornherein einen schlappen Eindruck. Auf die Frage, welche Nachwirkungen ich verspüren würde, antwortete ich:
„Wenn ich Treppen steige, komme ich imma so leicht außer Puste.“
„Ich auch!“ antwortete der Bundeswehr-Arzt, beriet sich murmelnd mit 2 anderen über meinem Herz-Foto und stufte mich – nachdem er in alle meine Öffnungen gesehen hatte – als „Ersatzreserve II“ ein. Bis die an der Front zum Einsatz kommt, sind alle anderen schon tot, und der Krieg iss aus.
Meinem Vater ließ die Auskunft des Grenzschutzkommandos keine Ruhe, und er nutzte seine Beziehungen um Näheres zu erfahren. Daraufhin erklärte mir Dr. med. von Zielonka schriftlich, daß es meine unzureichende Sehschärfe wäre, die eine Einstellung nicht ermögliche. Grenzschutz-Beamte müssen ja immer ganz scharf über die Grenze kucken. Dabei kann ich auch ohne Brille ohne weiteres zum Bleistift 1 Elefanten von einem T34 (Das iss 1 russischer Panzer, ihr Ignoranten!) oder auch verschiedene Haschisch-Sorten unterscheiden. Doch hatte ich wirklich Glück gehabt, denn später, als ich schon Student war, erzählte mir einer im Zug von Hildesheim nach Braunschweig von den Schleifer-Methoden beim Grenzschutz. Dort wurden die Beamten gerade zum Einsatz gegen die APO ausgebildet (Knie in die Hoden und so), und die Stimmung war mindestens ebenso reaktionär wie bei der Bundeswehr.

2 Gedanken zu „How I missed the war

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