Nu geit los

Studentenausweis

Nachdem meine militärische Laufbahn schon gescheitert war, bevor sie begonnen hatte, widmete ich mich ganz der Kunst. 20 Studienplätze bot die Staatliche Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig im Winter-Semester 1967/68 an, mehr als 600 schickten ihre Mappen, 74 Bewerber wurden für eine 3tägige Aufnahme-Prüfung zugelassen, 29 bestanden. Die ersten beiden Semester galten als Probezeit, nach deren Ablauf ein Ausschuß des Senats darüber entschied, ob man das Studium der Kunst-Pädagogik weiterführen durfte. Für einen sah das schwarz aus: für mich. Der Grund hatte seinen Namen: Hubertus von Pilgrim (*1931), unser Professor in der Grundausbildung, einer, der immer irgendwie beleidigt wirkte. Ein Langweiler mit Pfeife und Schiebermütze. Es fehlte nur noch der englische Sportwagen. Wir mochten uns auf Anhieb nicht. Ich begriff einfach nicht, worauf der Mann hinauswollte. Ich kam zwar bereits mit einem eigenen Stil an die Hochschule, war jedoch durchaus bereit, jenen aufzugeben, um zu lernen, was es zu lernen gab. Aber entweder sagte man mir, was ich tun sollte oder ließ mich laufen. Mit Hubertus war es weder das eine noch das andere. Sturer Klassen-Unterricht wie in der Schule, nur wußte er offensichtlich selbst nicht, wo es langging. So schwänzte ich viel und machte meist nicht das, was ich sollte. Eine Linie von links oben nach rechts unten war eine abfallende, von links unten nach rechts oben eine ansteigende. Das war mir zu linear. Hubertus galt als der letzte Kupferstecher, und so sahen seine Drucke aus:

Pilgrim-Apokalypse-68
Da quälten und wurmten sich Leiber konvulsivisch, hatten Probleme mit irgendeiner ästhetisch-anonymen Technik und waren doch nur An- und Abschwellendes, das sich apokalyptisch gebärdete. Die schöne Linie spielte unverbindlich Theater. Reiner Ästhetizismus. Ich suchte nach dem Sinn des Ganzen und fand ihn nicht.
Außerdem brauchte ich ein mobiles Handwerk, das ich in meiner miserablen Studenten-Bude ausüben konnte, denn ein Atelier war nicht vorhanden. Bei älteren Semestern sah ich zufällig, was man mit recht gewöhnlichen Buntstiften alles anrichten konnte. Also setzte ich mich in mein mieses Kabuff (mehrstöckiges Proletarier-Fachwerk mit Ofen-Heizung, Außen-Klo, ohne Bademöglichkeit) und fing an zu stricheln.
Ich vermutete, daß unsere ganze Gruppe, inklusive staatlich subventioniertem Kupferstecher, davon ausging, daß ich am Ende der Probezeit nichts Ausreichendes vorzuweisen hätte. Doch als ich meine Mappe öffnete, begann das große Staunen. Meine Apokalypsen waren konkret und beruhten auf Fotos von Leichenhaufen und Autounfällen. „Da wollte ich Sie ja schon immer hinbringen“, vereinnahmte mich Hubertus, dieser Saurier der Kunst. Für DIE Bemerkung hätte ich ihm eine reinhauen sollen. Wegen ihm hatte ich 1 ganzes Jahr sinnlos verplempert und wollte zeitweilig sogar aufgeben. Später baute er Adenauer nach und produzierte den üblichen öffentlichen KZ-Kitsch, mit dem das ganze Land überzogen wurde wie früher mit Krieger-Denkmälern. In der Verharmlosung des Grauens mittels Ästhetisierung war er Meister. Deshalb zeigte ich, wie man in der modernen Medienwelt damit lebt, ohne daß einer kotzt. Mein Grauen erschien in Farbe.

Auto&Landschaft-68

„Ich habe meine Mappe abgegeben. Pilgrim wollte natürlich Bilder aufhängen, und ich habe sie ihm unter Vorbehalt gegeben. Dann wollte er die Passepartouts auch noch zerschneiden. Da habe ich gewaltig protestiert und gesagt: Das lasse ich nicht zu! Und Pilgrim konnte nichts machen. Andere, die nicht den Mut hatten, haben jetzt verkleinerte Bilder und ärgern sich, daß sie nicht auch protestierten. So muß man das machen. Einige wollen sogar meine Bilder kaufen.“

Damit war ich künstlerisch souverän. Ich merkte, daß ich von den Kunst-Professoren nichts mehr lernen konnte. Sie steckten in dieser Umbruch-Zeit selbst in der Krise, waren aber an den Kunst-Akademien mehr oder weniger für neue Erfahrungen offen. Jetzt kam es nur noch darauf an, so schnell wie möglich alle Examina zu bestehen und dann mein eigenes Ding zu drehen.

Zeichner-68

Der Schlips wurde zum Karneval angeboten, doch für uns von der Buntstift-Mafia war immer Karneval.

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