APO

keine-Vergebung

Als Kunststudent nahm ich im Audimax der TU Braunschweig an einer Informationsveranstaltung über die „Greueltaten der imperialistischen USA gegen das Volk Vietnams“ teil. Saubere, sportliche nordvietnamesische Mädels schossen auf rücksichtslos phallische US-Bomber. Alles astrein dokumentiert. In Berlin trugen derweil Studenten Bilder eines dünnen, bärtigen und eines dicken, bartlosen Asiaten mit einer Warze am Kinn herum und schrien dabei wie sprachgestört: „Ho – Ho – Ho – Chi – Minh!“
Zwar begrüβte ich durchaus die Befreiung vom bürgerlichen Joch, zu der auch irgendwie die Befreiung Südostasiens vom kapitalistischen zu gehören schien, aber diese Herren, besonders der bärtige, waren mir nicht näher bekannt. Weshalb ich mich auch nicht dazu aufraffen konnte, ihre Namen in deutschen Groβstädten zu verkünden. Ich spielte lange mit dem Gedanken, mir das obligatorische Che-Guevara-Poster zuzulegen, weil der Mann so schön wild aussah, jedoch zog es mich doch mehr zu den umherschweifenden Haschrebellen. Auβerdem war ich als Sohn ostpreuβischer Eltern auf historischer Grundlage antirussisch erzogen worden, und daβ Kommunisten, da wo sie angewalzt kamen (wie im August 1968 in Prag), Völker befreiten, stimmte nicht mit dem überein, was meine Vorfahren beim Verlust ihrer Heimat erlebt hatten: Vergewaltigung, Vertreibung und Genickschuβ für die, die zu schwach für den Weg nach Sibirien waren. Daβ sich bei mir keine dauerhafte Verwurzelung entwickeln sollte, war auch Folge der Flucht meiner Eltern aus Königsberg und Podszohnen und des sich daran anschlieβenden ruhelosen Umziehens von einem westdeutschen Ort zum anderen. Südvietnamesen, die vor den Kommunisten aus ihrer Heimat geflohen sind, nennen es „nho nha“, der Heimat gedenken. Für sie ist die Vergangenheit niemals verloren.

29.5.68
„Gestern (Dienstag) haben wir mit 800-1000 Demonstranten in einer angemeldeten Demonstration vorübergehend den Verkehr in der Innenstadt lahmgelegt. Bei einer anschließenden Kundgebung gegen die Notstands-Gesetze wurde auf dem Kohlmarkt-Brunnen die rote Fahne gehißt. Es kam zu keinerlei Ausschreitungen. Abends war ein Teach-in im Audimax mit Schülern, Studenten und Arbeitern.“

Roten Fahnen bin ich wirklich nicht nachgelaufen. Bei einer von Kommunisten organisierten Vietnam-Demonstration in Hannover bin ich einfach an der Spitze VOR deren Fahnen gegangen. Da haben die fotographierenden Zivil-Bullen sicher schöne Porträts von mir bekommen. Und das mit den „Arbeitern“ kann ich nicht geglaubt haben, denn wir sahen uns einem Meer von Haß gegenüber, eifrig aufgewühlt durch die reaktionäre Springer-Presse: „Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“ (Bild). Wahrscheinlich wollte ich nur meinen Vater etwas provozieren, denn ich erinnere mich an eine dieser endlosen Diskussionen mit „Arbeitern“ auf dem Marktplatz: Auf eine besonders üble Bemerkung solch eines Typen gab ich – hinter ihm stehend – eine zynische Antwort. Er drehte sich blitzschnell um und schlug dem neben mir Stehenden die Faust ins Gesicht. Erleichtert über diese Verwechslung, zog ich mich diskret zurück. Auch bei einer Hausbesetzung in Hannover, die auf brutale Weise von der Polizei beendet wurde, kam ich noch rechtzeitig davon, weil ich zu besoffen war, um das ganze Ereignis überhaupt ernstnehmen zu können. Wer Rudi Dutschke (1940-70) ähnelte, lief in Berlin Gefahr vom Mob gelyncht zu werden.

 

„Als Berliner, der in Westdeutschland lebt, war es das schönste Ostergeschenk zu hören, daß Dutschke außer Gefecht gesetzt worden ist.“ (Wilhelm Hörnicke)
„Es ist nicht ein Mord wie der andere. Einen Dutschke zu erschlagen ist ein Verdienst.“ (Emil Becker)

Dutschke wurde für mich erst durch das Attentat bedeutsam. Den moderaten Jens Litten vom SHB fand ich viel überzeugender. Ich erlebte Dutschke auf einer SDS-Tagung in Hannover als unsympathischen Fanatiker. Ein Philosoph voller Bücherwissen, mit der in Philosophie-Seminaren üblichen außerirdisch-manierierten Diktion, die kein Arbeiter verstand. Im Januar 68 sprach er auf einem Vietnam-Kongreβ in Westberlin über „die Widersprüche des Spätkapitalismus, die antiautoritären Studenten und ihr Verhältnis zur Dritten Welt“: „Genossen, Antiautoritäre, Menschen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase. Wenn in Vietnam der US-Imperialismus überzeugend nachweisen kann, daβ er fähig ist, den revolutionären Volkskrieg erfolgreich zu zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autoritärer Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok.“ Dabei hatte er keinerlei Erfahrung mit der 3.Welt, promovierte jedoch 1973 mit seinen übergroßen Ideen: „Zur Differenz des asiatischen und europäischen Weges zum Sozialismus“. Außerdem hatte er die falschen Western gesehen („Viva Maria!“).
Als Dutschke die Verblendung des deutschen Proletariars am eigenen Leib erlebte – sein Verhältnis zum bewaffneten Widerstand war lavierend – entwickelte sich auch in mir, der sich immer noch zurückhielt, die Wut. Ich wußte durch meinen Vater konkret, daß das staatliche System nicht so dämonisch war, wie es die APO darstellte. Die oft naive Kritik konnte ich nicht teilen, doch schon die Ermordung Benno Ohnesorgs 1967 war ein aufwühlender Höhepunkt gewesen. Die Vorgänge um die Verschleierung dieses Vorfalls und so mancher Kommentar der alten und neuen Faschisten zeigten in der Tat unmenschliche Aspekte. Daß der Mörder Kurras Stasi-Mitarbeiter war, erfuhr ich erst in Indonesien von einem berliner Arzt (Wann kommt der Film?).

Die 68er gelten zwar als Verlierer, aber hat Axel Cäsar Springer gewonnen? Dieser Astrologie-Anhänger und tiefreligiöse Protestant mit Visionen, er sei eine Art auserwählter Messias, hat sich doch wohl eher als eins der großen, ordensgeschmückten Arschlöcher der deutschen Nachkriegs-Geschichte verewigt. Dagegen haben unsere „Träume und Ideen, Gefühle und Aktionen, Irrtümer inbegriffen, dennoch die Gesellschaft verändert und vorangebracht“ („Die wilden 68er“, „Spiegel Spezial“, Juni 1988). Mich jedenfalls.

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10 Gedanken zu „APO

  1. naya, mit Dutschke hatte ich ja selbst keine Bekanntschaft gemacht, aber ich konnte einige Wiesbadener Revoluzzer kennenlernen. Und ich weiß noch, wie ich den Sieg Vietnams in Wiesbaden am 1. Mai 1975 betrunken auf dem Kranzplatz erlebte. Eija, lang ists her. Oke, der jugendliche Schwung ist auch dahin. und zahlreiche Brüche stehen dazwischen.

    wünsch dir was. lg claus

  2. Ich kenne die aktuelle Situation nicht, denke aber, daß die schwarzen Anarchisten und die fanatischen Moslems nicht mit der Apo zu vergleichen sind, und die ganze Situation doch erheblich liberaler geworden ist.

  3. ich hab mal gegoogelt : Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

  4. Zu dem Zeitpunkt war bereits deutlich, daß das kommunistische Regime nicht besser sein würde, und auch das Massaker von Hue war bekannt. Aber für manche im Westen war und ist die 3.Welt eine Art Projektions-Ebene für unrealistische Wünsche und Ideen. Das betraf genauso den Mao-Kult. Auch da wurde ja erst nach und nach bekannt, was sich wirklich in China abspielte. Und manche Linke kamen entsetzt aus Kuba zurück, ohne in D Gehör finden zu können.

  5. Auch ohne zu googeln weiß ich, daß Hegel einer falschen deterministischen Sicht des „Weltgeistes“ anhing.

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