Muff

Avantgarde-68

Weniges […] leuchtet mir ein, wie mir wenige Bilder einleuchten, die in unserem Lande gemalt werden. Aber vieles halte ich für affektiertes Geschwätz, wie ich viele Bilder hierzulande für modische Hohlräume halte.“ Richard Hiepe

„Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“. Diesen Muff hab ich gerochen und ausgelüftet, so gut ich konnte. Da gab es die sexuelle Repression, die Kontrolle der Kultur durch die christlichen Imperialisten und die politischen Denkverbote. Wir – das war eine Minderheit in der Minderheit der Studenten – spürten anfangs auf euphorische Weise, daß sich die Gesellschaft im Umbruch befand, doch während wir nicht wußten, wo das hinführen würde, kannten die Etablierten genau die Methoden, wie das zu verhindern war – z.B. mit Berufsverbot. An der Kunsthochschule Braunschweig verlief das noch milde. Man bemühte sich sogar, am Puls der Zeit zu bleiben. Heroen des Kunstmarkts wurden eingeladen: Otto Piene (*1928) vollführte Multimediales in der Aula, Joseph Beuys (1921-86) forderte uns nonchalant auf, uns doch einfach zu befreien (Hätte ich seinen Umsatz gehabt, wäre das auch für mich überhaupt kein Problem gewesen!) und kaufte sich einen Rolls-Royce, der Psychopath Otto Muehl brachte uns mit seinen Schweinereien in die Schlagzeilen, und beim Langweiler HAP Grieshaber (1909-81) sah ich mich gezwungen, meinen Aufzieh-Frosch loszulassen. Auch gab es ein Paar, das nackt auf der Bühne auftrat. Sie fummelte erfolglos ein wenig an seinem Schwanz rum und trällerte dabei in höchsten Tönen. Dann spielte sie nackt Schlagzeug, während ein Experimental-Film zeigte, was alles auf der Bühne hätte geschehen können. Jede Mode entstehe in den Bumslokalen, schrieb William Gaddis bereits 1952 in „Die Fälschung der Welt“.
Die Krise des Werken-Unterrichts führte dagegen zu einer Studienreform, die mich um die Erfahrung einiger Werkstätten betrog, die ich mir als Höhepunkt aufgespart hatte. Die Versuche, neue Inhalte zu finden, verliefen teilweise chaotisch. Extremes Beispiel war eine Vorlesung über „Netzplantechnik“. Interessanter die Vorlesungen Richard Hiepes (1930-98) über Fotographie, die ganz neue Bereiche erschlossen – allerdings von einem marxistisch orientierten Kunsthistoriker, der nicht Beamter werden konnte, weil er vorbestraft war: Er hatte Neonazis am Betreten einer Versammlungshalle gehindert. Und wenn ich mich recht entsinne, hatte man als Genosse Hiepes den Vorteil, schon vorher das Thema der schriftlichen Prüfung in Kunstgeschichte zu kennen. Das Unerfreulichste daran war, daß die scheinbar neue Perspektive nur immer wieder vom alten, neo-marxistischen Muff vereinnahmt wurde. Sogar Kommilitonen aus meinem Semester organisierten sich damals in K-Gruppen, was ich mir nur so erklären kann, daß sie nicht wußten, wie zwanghaft marxistische Ästhetik durchgesetzt wurde, und wie man Künstler dafür instrumentalisierte.
Berufsverbot hätte auch mir passieren können. Da habe ich einfach nur Glück gehabt. Ich riß mal bei einer Rainer Barzel Wahlkampf-Veranstaltung in Hannover das CDU-Programm in kleine Stücke und legte sie auf dem Fußboden in Form eines Hakenkreuzes aus (Barzel hatte Ende der 50er Jahre mit seinem Komitee „Rettet die Freiheit“ schwarze Listen von Kommunisten und ihren Sympathisanten angelegt.). „Sowas wollen wir hier nicht!“ meinten die Wächter und entfernten mich aus dem Saal. Die Verbreitung nationalsozialistischer Symbole ist verboten (§ 86a StGB). Damit sind etliche Künstler seinerzeit ins Messer gelaufen. Allerdings wurden sämtliche Urteile durch den Bundesgerichtshof aufgehoben: „Der Gebrauch des Kennzeichens einer verfassungswidrigen Organisation in einer Darstellung, deren Inhalt in offenkundiger und eindeutiger Weise die Gegnerschaft zu der Organisation und die Bekämpfung ihrer Ideologie zum Ausdruck bringt, läuft dem Schutzzweck der Vorschrift ersichtlich nicht zuwider und wird daher vom Tatbestand des § 86a StGB nicht erfaßt.“ Das ist zwar von vornherein logisch, jedoch versuchte man unbequeme Künstler ersteinmal zu kriminalisieren.

R.Crumb-Insel&Hakenkreuz

Robert Crumb

Advertisements

Ein Gedanke zu „Muff

  1. Pingback: 1000 Jahre Muff | Memoiren eines Waldschrats

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s