Endgültig raus

LSenDe

„Dieses Zeug hat bei mir überhaupt keine Wirkung, sagte einer, – wenn nur nicht die Decke immer näher kommen würde.“ William Gaddis, „Die Fälschung der Welt“

Daß ich Ende der 60er Jahre jeglicher Form von Gesellschaft verlorenging, lag weniger an politischen Gegensätzen. Jedem, der Drogen wie Hanf-Tabak, -Kekse und Haschisch kennenlernte, wurde bewußt, wie er von der etablierten Gesellschaft belogen und auf absurde Weise kriminalisiert wurde. Nur wegen der Weigerung, sich mit der lebensgefährlichen Droge Alkohol weiter zu ruinieren. Diese merkwürdige Bewußtseins-Spaltung bei den konservativen Jüngern Johannes des Säufers katapultierte viele, die Neues probierten, endgültig aus der bestehenden Gesellschaft. Dabei war die Erfahrung von LSD ein Erlebnis, das nicht nur langwierige Psychoanlyse in wenigen Stunden erledigen konnte, in dem Erinnerungen vor dem inneren Auge filmhaft abliefen, und die Leere gängiger gesellschaftlicher Rituale plötzlich kristallklar erschien, sondern vor allem eine alternative Welt im Vorgriff erleben ließ. Jene war dann nur noch in die Praxis umzusetzen. Ich glaubte, nun alles begriffen zu haben, ohne daß die Sprache dafür als Erklärung ausreichte. Es schien mir, als ob ich erst jetzt wirklich sehen und hören konnte. Jede Erscheinung von Überdruß und Langeweile würde für immer verschwinden, denn alles war in ständiger Bewegung, und die Natur lieferte permanente Musik. Wände atmeten, und eine nie versiegende Ideenflut bot mehr, als ich jemals zu Papier bringen würde. Jede Form von Karriere wurde lächerlich und obsolet.
Medizinisch gesehen war LSD unschädlich – besonders im Vergleich mit Alkohol – doch wurden jene, die schon beschädigt waren, eventuell noch verrückter, und ihr Trip hörte in manchen Fällen nicht mehr auf. Letztlich verstärkte und aktivierte die Droge vordringlich das, was schon im Gehirn angelegt war. Als Volks-Droge kam sie sicher nicht in Frage. Man konnte leicht durch die Fülle der Eindrücke überwältigt werden und in Panik geraten – besonders durch das Gefühl, eine strafbare Handlung zu begehen. Die Grenzen der Freiheit in einer demokratischen Gesellschaft wurden mir jedenfalls drastisch vor Augen geführt. Eine derartige Bewußtseins-Erweiterung war nicht erlaubt – obwohl man sich in gehobener Gesellschaft befand, nämlich all der interessanten Künstler, die ebenfalls künstliche Paradiese aufgesucht hatten.
„Wie ein Schleier legen sich tausend Zufälle zwischen unser gegenwärtiges Bewußtsein und die geheimen Eintragungen unseres Geistes. Doch sind es ebendiese Zufälle, die zuweilen den Schleier auch wieder lüften. Denn ob verhüllt oder nicht, die Eintragungen als solche sind unzerstörbar.“ Thomas De Quincey

Politik der Ekstase
https://tomschrat.wordpress.com/2012/10/31/timothy-deleary/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s