Wunder und Kaffee am Kahlenberg

Seifenstueck

Wenn die Türken nicht so ungeduldig gewesen und bis zum 20.Jahrhundert gewartet hätten, wären die früheren Versuche, im Westen Moscheen zu bauen, nicht zu solchen Desastern ausgeartet. Auch der Film „September Eleven 1683“ (2012), der einem nicht nur den Titel holzhammerartig auf die Augen schlägt, ist eins. Der offensichtliche Investions-Notstand bei aktuell zu niedrigen Zinsen sollte kein Grund für den Vatikan sein, diese italienisch-polnische Seifenoper dem christlichen Restaurations-Versuch hinzuzufügen.
1683 belagern 120-200.000 Türken erneut Wien. Der deutsche Kaiser Leopold I. flieht und überläßt die Stadt zahlenmäßig weit unterlegenen aber fähigen Verteidigern unter Graf Rüdiger von Starhemberg, der auf das Eintreffen eines Ersatzheeres von Deutschen und Polen hofft: „Wir suchen uns über und unter der Erde, die Unsern haben 3 Minen entdeckt und ihrerseits 2 springen lassen, mit sehr guter Wirkung. Aber hohe Zeit ist es, uns Hilfe zu bringen. Wir verlieren sehr viel Leute und sehr viele Offiziere. Wir haben keine Granaten mehr, unsere Kanonen sind teils von den Feinden zerstört, teils gesprungen.“ Zwei Wochen nach diesem Hilferuf naht die Rettung. Der König von Polen, Johann Sobieski, stellt dabei das größte Kontingent und wird zum Oberbefehlshaber ernannt. Als seine befiederten Husaren zusammen mit deutscher Infanterie vom Kahlenberg herabstürmen, von dem aus auch das Lager der Türken unter Artillerie-Beschuß gerät, wendet sich das Schlachten-Glück für den Großvezir Kara Mustapha. Ein polnischer Offizier schreibt in sein Tagebuch: „Welch ein Schauspiel bot sich unseren Augen dar vom Scheitel dieses Berges. Der ungeheure Raum von prächtigen Zelten überfüllt und übersät. Das furchtbare Gedonner aus den Feuerschlünden erfüllte die Lüfte, Rauch und Flammen verhüllten die Stadt, so daß nur die Spitzen der Türme dazwischen sichtbar waren.“
Im Film ist nicht einmal nur der oberflächlich visualisierte polnische König weit vor den Reichsfürsten der Held, die als lächerliche Perücken-Träger erscheinen. Vielmehr ist es der wundervolle Kleriker Marco D’Aviano – schon aus „Der Name der Rose“ bekannt – der auf magische Weise alles regelt. Was für eine Chance wurde hier vergeigt! Was für ein historisches Gemälde hätte dieser Film sein können, wenn er nicht zum aktuell christlichen Widerstands-Revival gegen den Islam veroperettet worden wäre. Tatsächlich findet die Schlacht vom 11.9. erst 14 Jahre später 1697 bei Zenta unter der Führung von Prinz Eugen statt. Und die Polen mußten mit dem Film gründlich gebauchkitzelt werden, anstatt zum Beispiel die Rolle Frankreichs vorzuführen, wo Ludwig XIV. nur auf den Untergang der Habsburger wartet, um sich Ländereien im Westen und die Kaiser-Krone dazu einzuverleiben. In jener Zeit entwickelt sich der Haß der Deutschen auf Frankreich. Und neben dem unsäglichen Elend der Kranken und Verwundeten (am Ende des Krieges kehren von den ausgezogenen 12000 vom Papst mobilisierten Soldaten nur noch 3000 zurück) hat ein Folge-Ereignis wirklich bedeutende Konsequenzen: Nach der Schlacht erwirbt ein findiger Wiener den eroberten Vorrat an Kaffee, dem Lieblings-Getränk der Türken, und gründet das erste Wiener Kaffeehaus. Danke!
F. Murray Abraham, der eigentliche Held des Films, der als Mönch erfolgreich Blindheit, Brustkrebs und Türken besiegt, spielte in „Der Name der Rose“ den bösartigen Inquisitor Bernard Gui. Auch sonst scheint er seinen damaligen schauspielerischen Ansatz inzwischen aufgegeben zu haben:
„Alle führenden Kleriker sind in einem gewissen Sinne Politiker, meist ziemlich verkommene Politiker, nicht wahr. Und ich meine das nicht nur bezogen auf das finstere Mittelalter. Im übrigen finde ich es erschreckend, wie wenig sich da in den letzten 650 Jahren verändert hat.“
„Wie meinen Sie das?“
„Naja, ich denke, die Bernard Guis der Gegenwart sind ein wesentlicher Teil des heutigen Dilemmas. Diese Männer, die – im Namen des Guten – sehr viel Böses anrichten. … Und so etwas meine ich, wenn ich von der Notwendigkeit der Geschichts-Kenntnis spreche und von der politischen Macht des Theaters … Meine Intention ist die, im Rahmen meines Schauspiel-Unterrichts zur politischen Wachheit und Aufmerksamkeit zu erziehen.“ (aus Baumann/Sahihi, „Der Film: Der Name der Rose“, 1986)

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