Kein Frohlocken

Mutter-lernt fahren

Hannover, 16.5.1974

Liebe Dita!
Es fällt mir nicht leicht, Dir auf Deinen Brief zu antworten. Er ist für mich gewiß kein Grund zu frohlocken, auch wenn Du immer noch annehmen solltest, daß ich mir dieses Ergebnis gewünscht hätte. Doch das ist nun wohl das letzte Kapitel einer tragischen Entwicklung, gegen die wir beide nicht ankommen. Auch ich weiß nun keine andere Lösung.
Wir stimmten bei unseren fruchtlosen Debatten darin überein, daß keiner von uns frei von Schuld ist. Das legt eine Scheidung aus beiderseitigem Verschulden nahe, doch nehme ich an, daß Du die Scheidungklage erheben willst, während ich selbst das ohnehin unerfreuliche Verfahren nicht durch eine Widerklage komplizieren, nicht mit Dir über einen Schuldanteil streiten möchte.
Zur Unterhaltsfrage kann ich Dir keine konkreten Vorschläge machen, solange ich nicht weiß, welche Vorstellungen Du darüber hast. Das wird wohl auch von Deinen Zukunftsplänen abhängen. Ich nehme jedenfalls an, daß Du Dir auch darüber schon Gedanken gemacht hast. Mich würde neben der Höhe der Beträge zunächst interessieren, ob Du eine Abfindung neben oder anstelle eines laufenden Unterhalts erwartest. Diese Frage erscheint mir sinnvoll, wenn ich mir vorstelle, daß Du bald wieder heiraten könntest.
Mehr kann ich jetzt nicht sagen, denn auch ich werde mangels einschlägiger Erfahrungen nicht auf den Rat eines Anwalts verzichten können.
Ich hoffe, liebe Dita, daß all diese Überlegungen Dich nicht so stark belsten, daß der Erfolg Deiner Kur damit infrage gestellt wird. Ich wünsche Dir jedenfalls eine gute Erholung.
Gestern erschien hier Helga mit einem großen Blumenstrauß, den sie Dir bringen wollte. So habe ich sie denn zum Tee eingeladen und mir von Thomas berichten lassen. Danach scheint es ihm gut zu gehen. Ich werde ihn und Frieda, die ja am 14.Mai Geburtstag hatte, wahrscheinlich am Wochenende besuchen. Bisher bin ich nicht dazu gekommen, da ich Binki und den Vogel betreuen muß und außerdem in der Wahlpropaganda eingespannt werde, da ich ja bis 9.Juni Wahlurlaub habe …

Ja, und dann hat er mich besucht, ich erfuhr zum ersten Mal, was schon seit Jahren wirklich ablief, und mir wurde klar, warum sich meine Mutter in den letzten Jahren so besonders unerträglich verhielt. Nachdem ihr Vater starb, und ich im Moor verschwand, wurde ihr Leben noch sinnloser, als es ohnehin schon war. Also lernte sie Autofahren und einen alten Biologie-Professor im Krankenhaus kennen. Ich war wirklich erleichtert, weil ich ebenso wie mein Vater hoffte, sie nun endlich losgeworden zu sein. Aba Pustekuchen!

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Ein Gedanke zu „Kein Frohlocken

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