Mit dem Kopf durch die Wand

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Ich hätte meinen Vater gern noch darüber interviewt, wie er sich gefühlt hatte, als er aus der Kriegs-Gefangenschaft in Frankreich entlassen, seine Frau zum ersten Mal wiedersah, und was den Zusammenbruch der Ehe im Verlauf von 30 Jahren eigentlich verursacht hatte, doch fing ich damit zu spät an. Sicher ist, daß meine Mutter ein erheblich gestörtes Verhältnis zur Sexualität hatte, was ihre ständige Unzufriedenheit erklärte, die sie mit übersteigertem Konsum zu kompensieren versuchte. Ihre Oberflächlichkeit war ein Teil der Differenzen zwischen den Lebensansprüchen, mußte jedoch schon von Anfang an existiert haben, überlagert nur durch Kriegswirren und Wiederaufbau. Die Skizzen meines Vaters von einem Haus in Norwegen zeigen sein unentschiedenes Pendeln zwischen dem Wunsch nach naturnahem Leben und großartiger Beamten-Karriere.

Traumhaus

Parallel zu mir emanzipierte sich auch mein Vater auf moderate Weise, dabei nicht unwesentlich von mir beeinflußt. Seine Art, einmal etwas auf rationale Weise als richtig erkannt zu haben und entsprechend zu handeln, blieb meiner Mutter fremd, die rein gefühlsmäßig reagierte. Im Anrennen gegen irrationale Verhältnisse – mit ausgeprägtem Ehrgeiz – blieb auch er schließlich in der Wand des Faktischen hängen. Weil er zuerst in keiner und dann nicht in der richtigen Partei war, mußte er denjenigen mit passendem Parteibuch platzmachen und wurde auf einen unbedeutenden Posten in der Hochbau-Verwaltung abgeschoben, wo er bis zu seiner Pensionierung Däumchen drehte, weil ihn die dortigen Architekten aus Neid isolierten.
Sein völlig unrealistischer Traum, noch als alter Mann eine schöne, wohlhabende Witwe zu finden, endete in einer 2. Ehe, die sich schnell wesentlich katastrophaler als die vorige entwickelte.
Auch für mich wurde diese Bronze-Plastik symbolhaft, von der ich leider nicht mehr weiß, wo sie sich befindet, und wer sie angefertigt hat. So blieb ich schließlich in den unsäglichen gesellschaftlichen Verhältnissen Indonesiens stecken, die ich von meiner rechtlich unsicheren Position aus kaum verändern kann. Als Lehrer in D, der über die Zulassung junger Menschen zum Hochschul-Studium mitzuentscheiden hatte, wurde von mir eine anstrengende, manchmal quälende Korrektheit im Denken verlangt, die durchaus nicht jeder Lehrer aufbrachte. Sich mit derartig preußischer Genauigkeit an die Verhältnisse in Indonesien zu wagen, und sich z.B. der alles durchfilzenden Korruption verweigern zu wollen, ist von vornherein aussichtslos.

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