Kein Beuys-Objekt

Fernsprechtornister-gepackt

Fernsprechtornister, gepackt
(aus „Nachrichten-Fibel“, Verlag „Offene Worte“, Berlin W 35)

Beuys-Feldbett-82

Joseph Beuys (1921-86), Feldbett” , 1982, mit Akkumulator und Filzdecke

„Ich meine nicht, daß irgendetwas eine Chance hätte, was mit abgeschliffenen politischen Kategorien versucht, das Problem zu lösen; aus irgendwelchen Ableitungen versucht, Thesen für Reformerisches zu machen, … Denn dann werden die Menschen den Gang gehen, den man im Augenblick beobachten kann: sie werden immer angepaßter, immer passiver.
Es läßt sich nur unmittelbar an einer ganz neuen Faszination anknüpfen. Wenn man die Menschen nicht an den Punkt führen kann, daß sie eines Tages diese Faszination mal einen Moment gespürt haben, werden sie nie ein neues Leben führen.“ (13.11.1975)

Nach seinem Abschluß am Gymnasium 1941 meldete sich Beuys freiwillig zur Luftwaffe. Nach Ausbildungsabschluß als Bordfunker wurde er auf der Krim stationiert und nahm im Juni 1942 am Luftkampf um Sewastopol teil. Ab Mai 1943, Beuys war inzwischen Unteroffizier, wurde er in Königgrätz als Bordschütze und Funker in einem Stuka vom Typ Ju 87 eingesetzt. Nach der Verlegung zum Luftwaffenstab Kroatien im Sommer 1943 war er bis 1944 an der östlichen Adria stationiert. Am 4. März 1944 begann die Rote Armee an der Ostfront ihre Frühjahrsoffensive und erzwang in der Schlacht um die Krim den vollständigen Rückzug der deutschen Verbände aus der Ukraine. Während eines Einsatzes, bei dem das Flugzeug von einem russischen Flak-Geschütz getroffen wurde, stürzte Beuys’ Stuka am 16. März 1944 über der Krim ab. Der Pilot starb, Beuys wurde schwer verletzt, erlitt einen Schädelbasisbruch, eine Nasenbeinfraktur, mehrere Knochenbrüche sowie ein Absturztrauma. Von einem deutschen Suchkommando wurde er unter den Trümmern der Ju 87 gefunden und in ein mobiles Militärlazarett eingeliefert. Die Granatsplitter, die er aufgrund des Luftkampfes davongetragen hatte, konnten nie vollständig entfernt werden. Der Absturz mit seiner Nachgeschichte diente als Stoff einer Legende, derzufolge nomadisierende Krimtataren ihn „8 Tage lang aufopfernd mit ihren Hausmitteln“ (Salbung der Wunden mit tierischem Fett und Warmhalten in Filz) gepflegt hätten. Diese Legende, die Beuys’ Vorliebe für die Materialien Fett und Filz erklären sollte, und die Beuys in einem BBC-Interview ebenso beschrieb, hat auch sein Biograph bis zuletzt vertreten. Einer Recherche des Künstlers Jörg Herold zufolge wurde Beuys schon bald nach dem Absturz von einem Suchkommando gefunden, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Herolds Spurensuche auf der Krim in einem Bericht vom 20. August 2000 meldete.
Pikant ist, daß ich u.a. mit dieser Legende jahrelang meinen Schülern Beuys erklärt habe. Dabei war mir schon die Kritik bekannt, Beuys habe seine Biographie modelliert, um die Folgerichtigkeit seines Oeuvres darzustellen. Sollten die Recherchen stimmen, so wäre Beuys ebenso wie Grass einer der vielen, die ihre Biographie schönten, um einen ganz bestimmten öffentlichen Eindruck zu erzielen.

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3 Gedanken zu „Kein Beuys-Objekt

  1. Da möchte ich ihm zugute halten, daß diese Geschichte ja Teil seines Traumas sein kann, das hat er halt in den Trümern eingeklemmt halluziniert.

    Mir erschien er ehrlich und spontan, als ich ihn auf einem politischen Treffen zufällig neben Gruhl antraf und in meinem damaligen von der Schule geprägten Vorurteil gegen Kunst verbal angegriffen habe. Der ist ganz ruhig geblieben und hat mich ganz nett behandelt, andere hätten mir sicher aufs Maul gehauen.

    Ich hatte mein Wissen um ihn zu diesem Zeitpunkt nur aus seinen politischen Pamphleten sowie aus den weitererzählten BILD-Schlagzeilen über ihn (bei uns zu Hause gab es ja keine BILD, aber die Eltern der auch nicht dümmeren Schulkameraden hatten die oft).
    Erst spät habe ich dann Bücher über ihn gelesen, da war er schon tot.
    Nun verstehe ich ihn.
    Der hat meiner Meinung nach die Fettecke und die dreckige Badewanne nicht wirklich als Kunst verstanden, alles Humbug für die schreibende Zunft.
    Der hatte ständig (wie mein ebenfalls verwundeter Vater) Schmerzen durch herumwandernde Splitter und wollte daß sein kleiner Sohn genug zu Essen hat.
    Mit ständigen Schmerzen ist man halt zu stupider üblicher Erwerbsarbeit nict in der Lage.
    Das geht mir ja sogar schon mit der Neurodermitis so.

    Heute finde ich das gut, was Beuys gemacht hat: er hat für seine Leute gesorgt.
    Gegen die Scheißecken der Politiker in Berlin war doch seine Fettecke eine echte Goldecke!

  2. Ich finde ihn deshalb genial, weil er es geschafft hat trotzdem er ja eigentlich wegen der kriegsschäden nach heutigen Maßstäben arbeitsunfähig war, seine Familie durchzubringen.

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