Glück gehabt

Funkwagen

Mein Vater, in der Nachrichten-Truppe wie Helmut Kalweit, hat Glück: Anfang Juli 1942 fährt er in Rußland in seinem Funkwagen auf ein Dorf zu und gerät in den Schußbereich eines russisches MGs. Zu jener Zeit befinden sich die deutschen Streitkräfte im Osten zwar noch auf dem Vormarsch, es gelingt aber nicht mehr, die zurückweichenden Russen in größerer Zahl zu fassen. Hitler verkennt diese Ausweich-Mannöver als endgültige Schwäche und zersplittert in unentschiedenem Hin und Her die ohnehin erschöpften Truppen, wobei sich die Frontlinie immer mehr verlängert.

Das Internet bietet reichliche Informationen über alle Aspekte des 2.Weltkriegs. Auf mehr oder weniger merkwürdigen Seiten werden detallierte Fakten über Menschen und Material aufgeführt – nur nicht über Funker. Denen fehlt der Pfeffer des Kampfes – weshalb mein Vater genau diese Truppen-Gattung wählte. Zwar ist die Organisation der Kommunikation meist viel bedeutsamer für den Ausgang einer Schlacht als die Aktion von Einzelkämpfern, doch sind die Erlebnisse der echten Krieger viel aufregender. Weshalb es auch keine Kriegsfilme über Funker gibt. „Windtalkers“ ist da eine Ausnahme, kann aber auch nicht auf unglaubwürdige Szenen des Einzelkampfes und alle übrigen Klischees verzichten. So war es nicht möglich zu klären, wie eigentlich der Wagen aussah, in dem mein Vater saß, als er von einer MG-Garbe getroffen wurde. Helmuts Foto zeigt eine ältere Version, die wenigen Abbildungen im Internet eine größere, bei der das Reserverad weiter hinten angebracht ist. Die Ausführung interessiert mich deshalb, weil mein Vater immer wieder einen Tisch erwähnte, nachdem er 2x getroffen wurde. Er sieht die Einschüsse in der Windschutzscheibe und zieht sich nach hinten auf diesen Tisch, wobei er sich einen Glassplitter in den Daumen drückt, der dort verblieb, und den ich noch erfühlen konnte. Zwischen Vorder- und Rücksitzen dieser Funkwagen befand sich ein schmaler Tisch für das Funkgerät, auf dem mein Vater quer zur Fahrtrichtung wie auf einer Bahre gelegen haben wird.

MG-Bewegung

Gerettet hat ihn vielleicht auch die Mantelkopf-Bewegung eines schweren MGs bei Dauerfeuer, die die Schüsse stark streuen läßt und die Treffer-Zahl vermindert. Und daß der Fahrer den Wagen noch wenden und aus der Schußzone bringen kann. Mit einem Bauch- und Waden-Schuß wird mein Vater in einem Bereich abgelegt und offensichtlich aufgegeben, der sich in der Auflösung des Rückzugs befindet. Die überdehnte Frontlinie ist nicht vollständig zu sichern, und es kommt häufig zu Einbrüchen der Russen. Dabei halten sie sich nicht mit Gefangenen, schon gar nicht mit Verletzten auf. Nach Rückeroberung vorübergehend aufgegebener Gebiete werden immer wieder ermordete und ausgeplünderte deutsche Gefangene aufgefunden (z.B. 1 Jahr vorher bei Dubno). In den Nürnberger Prozessen legt die Verteidigung entsprechende Foto-Dokumente vor. Mein Vater beobachtet, wie die letzten Tranporte abgehen, und weiß, daß er mit zerfetzten Innereien kaum Überlebenschancen hat. Da er zudem mit einem Bauchschuß nichts essen und trinken darf, bereitet er sich hungrig und durstig darauf vor, die Qual mit seiner Pistole zu beenden. Doch dann bringt man ihn mit einem letzten Zug doch noch aus der Gefahren-Zone.

Lazarett-Nachweis

Das teilweise erhaltene Nachweis-Heft über Aufnahme in Lazarette zeigt als ersten Eintrag (8.7.) das motorisierte Feldlazarett 671. Bauch- und Waden-Schuß erweisen sich als glatte Durchschüsse ohne Verletzung innerer Organe. Doch wird er erst 9 Monate später aus dem Reservelazarett Krummhübel entlassen. Eigenartigerweise enthält das Heft auch eine handschriftliche Auflistung der in das Lazarett mitgegebenen persönlichen Sachen meines Vaters – in französischer Sprache (wahrscheinlich von einem Gefangenen): Regenmantel mit Kapuze, wollene Joppe, lange Hose, 3 Armee-Unterhemden, 4 Unterhosen, 4 Socken, 4 Taschentücher, Handtuch, 2 Sweater, Handschuhe, 2 Militär-Mützen, Tornister, Säbel-Koppel, Schnürstiefel, kurze Jacke, Feldflasche, Kochgeschirr, Decke, 2 Schlafsäcke, Holzschuhe.

Lazarett-43

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4 Gedanken zu „Glück gehabt

  1. Ich bin halt mit diesen Geschichten aufgewachsen. Damals konnte ich sie schon nicht mehr hören, heute würde ich gerne nachfragen. Und das Internet bietet jetzt so viele Möglichkeiten, Zeit und Vorgänge anschaulicher werden zu lassen. Für mich ist das interessant, und ich entdecke und verstehe immer mehr. Dabei hilft, daß mein Vater Kalweits Haus erbte, das wie ein Museum auf mich wirkte. Leider hat es nur wenig Material bis zum Äquator geschafft. Da begann die Bloggerei zu spät. Doch lohnt es sich schon deshalb, weil ich dadurch z.B. von Ina nie gesehene Fotos des Grabes meines Urgroßvaters bekommen habe.

  2. Pingback: Dornen und Stacheln | Memoiren eines Waldschrats

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